
Thomas Noack
Vorbemerkung: Bekanntlich ist das Verhältnis Swedenborg-Lorber nicht einfach zu bestimmen. Allgemein wird man sagen dürfen, daß es Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt. Doch dieses Urteil gewinnt erst an Wert, wenn man es anhand der Texte konkretisiert. Ich will daher in einer losen Reihe von Beiträgen nachweisen, daß Swedenborgs Theologie in den Werken Jakob Lorbers weitgehend aufgenommen worden ist. Doch gerade dieser Nachweis wird auch den Blick dafür öffnen, wo Lorber eigene Wege gegangen ist. Der erste Beitrag beschäftigt sich mit der Anthropologie der beiden Propheten.
Der Mensch ist die Krone der (materiellen) Schöpfung und zugleich der Anfang der (geistigen) Schöpfung. Krone der Schöpfung ist er, weil die menschliche Form "die Urform und Höchstform des Lebendigen"[1] ist. Doch andererseits ist kein Mensch "aufgrund seines Gesichtes und Körpers ein Mensch", sondern "aufgrund des Guten seiner Liebe und des Wahren seiner Weisheit" (GV 172). Die äußere Menschenform muß also von der inneren durchdrungen werden, d.h. von der Liebe und Weisheit, denn "beide zusammen sind in ihrer Gestaltung Mensch" (GLW 179). Das Spitzenerzeugnis der Natur, der Mensch, befindet sich daher erst auf dem Wege seiner Menschwerdung[2]. Das eigentliche Ziel der Schöpfung ist "ein Engelshimmel aus dem menschlichen Geschlecht" (GLW 330). Das menschliche Geschlecht aber ist "die Pflanzschule des Himmels" (JG 10).
SWEDENBORG: "Der Zweck der Schöpfung des Weltalls ist der Mensch, damit aus dem Menschen sich ein Engelshimmel bilde" (EW 126). "Der Zweck der Schöpfung war der Engelshimmel aus dem menschlichen Geschlecht, also der Mensch, in dem Gott als in seinem Aufnahmegefäß wohnen konnte." (WCR 66). "Der Zweck der Schöpfung ist ein aus dem menschlichen Geschlecht gebildeter Engelshimmel, somit (zunächst) das menschliche Geschlecht." (GLW 330).
LORBER: Der Mensch ist "das Endziel der gesamten Schöpfung ... Er ist das endlich zu gewinnende Produkt all der Vormühen Gottes." (Ev II.222.4). Im "Menschen liegt der Grund und der Zweck aller Schöpfung im endlosen Raume." (Ev VIII.140.5). Der Mensch lebt "als Schlußstein der äußeren, materiellen Schöpfung, in der er als die Krone der Schöpfung gepriesen und genannt wird, das andere Mal als der Anfangspunkt der rein geistigen Welt, die mit ihm die erste Stufe der vollständig freien Selbsterkenntnis erreicht hat." (Ev XI.9.8). Vgl. auch HGt III.13.3ff.
Wenn der Mensch das vorläufige Ziel der Schöpfung ist, dann müssen alle Formen vor dem Menschen Stufen auf dem Weg zum Menschen sein. Tatsächlich ist dieser Gedanke bei Swedenborg angedeutet:
SWEDENBORG: "Die Nutzwirkungen aller geschaffenen Dinge steigen stufenweise (per gradus) von den untersten (Formen) bis zum Menschen auf und durch den Menschen hindurch zu Gott, dem Schöpfer, von dem sie ausgegangen sind." (GLW 65). "Aus der Erde werden vom Herrn, dem Schöpfer, unausgesetzt Formen der Nutzwirkungen (formae usuum) in ihrer Ordnung bis zum Menschen hinauf emporgebildet." (GLW 171).
Lorber hat diesen Gedanken aufgegriffen und zur Lehre von der Naturseelenentwicklung weiterentwickelt. Für Lorber ist alle Materie "Seelensubstanz" (Ev VI.133.3)[3]. Sie steigt durch das Mineral-, das Pflanzen- und das Tierreich allmählich auf, vereinigt sich dabei zu immer komplexeren Seelen und wird schließlich zu einer Natur- und dann Menschenseele. Man kann diese Lehre als eine Interpretation der Andeutungen bei Swedenborg ansehen. Allerdings bringt Lorber auch eigene Gedanken ein. Für Swedenborg sind Materie und Geist (oder Seele) gesonderte Grade, für Lorber hingegen die zwei Seiten ein und derselben Sache. Festzuhalten ist aber, daß beide Propheten einen stufenweisen Aufstieg bis zum Menschen lehren.
Im Menschen fängt die Schöpfung an, ihre "Urform" zu gewinnen (GS II.66.8):
SWEDENBORG: "Das Göttlich Hervorgehende ist im Größten und im Kleinsten ein Mensch. Denn wie es im Größten ist, so ist es im Kleinsten, und in der Natur, wo es im Letzten ist. Alles ist so geschaffen, daß sich die Neigung des Guten ... mit dem Menschlichen umkleidet ... Daher sind die Engel menschliche Formen. In der Natur ist es ähnlich, weswegen es auch dort die menschliche Form gibt." (Ath. 178)
Daher ist die Menschenform die Universalform der Schöpfung, denn überall, wo ein Erdkörper vorhanden ist, existiert nach Swedenborgs Überzeugung auch der Mensch (EW 112). Bei Lorber finden wir einen ähnlichen Gedanken:
LORBER: "Meine Schöpfungen haben nimmermehr irgendein Ende. Allenthalben wirst du die Einrichtungen für dich wunderbar verschieden finden und neue Formen allenthalben von nie geahnter Majestät und Pracht. Nur die Form des Menschen allein ist die bleibende und überall gleiche. Unter diesen zahllos vielen Bewohnern der verschiedenen Welten gibt es nur Abstufungen bezüglich der Größe, Liebe, Weisheit und Schönheit. Aber allen diesen Abstufungen liegt dennoch die unveränderte Menschenform zugrunde, indem sie alle Mein Ebenmaß haben. Die Weisesten sind die schönsten, und die mit Liebe Erfüllten sind die zartesten und herrlichsten!" (BM 51.6-7).
Doch der Mensch ist nicht nur das Ende der Natur, sondern auch der Anfang des Geistes. Er ist das Bindeglied[4] zwischen Himmel und Erde. In ihm "ist die geistige Welt mit der natürlichen Welt verbunden" (HG 6057). Diese Zwischenstellung beschreibt Lorber eindrucksvoll mit den folgenden Worten:
LORBER: "Es ist schon oft genug gesagt worden, daß die menschliche Seele aus kleinsten Anfängen besteht, welche, wachsend und zu immer höheren Bewußtseinssphären sich entwickelnd, schließlich im Menschen wieder diejenige Form erlangen, welche eben als irdische Form nicht weiter mehr entwicklungsfähig ist, wohl aber in ihrer seelischen. Deswegen begegnen sich im Menschen zwei Prinzipien: das Ende des materiellen Lebens als höchst ausgeprägtes Selbstbewußtsein und der Anfang eines seelischen, unwandelbaren Lebens in der höchsten errungenen Formenvollendung. Deswegen kann der Mensch auf dieser Messerschneide des irdischen Lebens sich dem Bewußtsein, daß er lebt, wohl nicht verschließen - denn dessen ist er sich selbst Beweis -, aber dennoch gar keine Ahnung davon haben, daß er an der Schwelle eines geistigen Lebens angelangt ist, welches nun in der unwandelbar bleibenden Menschenform seinen Anfang nimmt" (Ev XI.75.3).
Der Mensch ist zwar das Ende eines Weges, doch - wie jeder weiß - können Menschen unmenschlich sein. Ein Hinweis darauf, daß die menschliche Gestalt mehr ein Auftrag als ein Ziel ist. Nunmehr gilt es die innere Menschenform, das heißt die Liebe und Weisheit, anzuziehen. Swedenborg weiß zu berichten, daß die Engel nur deswegen "Menschen in Schönheit" sind, weil sie in der Liebe und Weisheit des Herrn sind (GLW 287). Umgekehrt erscheinen die Höllenbewohner im Lichte des Himmels "kaum als Menschen, sondern als Ungeheuer (monstra)", weil sie dem Bösen und Falschen ergeben sind (HH 80; vgl. Lorber EM 53.5).
Doch wo ist der Ursprung des Menschlichen? Laut erstem Schöpfungsbericht machte Gott den Menschen in sein Bild nach seiner Ähnlichkeit (Gen 1.26). Das bedeutet nicht nur, daß der Mensch der Wiederschein des Göttlich-Schöpferischen ist, sondern auch, daß Gott der eigentliche Mensch ist:
SWEDENBORG: "Gott ist der eigentliche Mensch." (GLW 11). "Der Herr allein ist der Mensch." (HG 4219).
LORBER: "Gott Selbst ist der höchste und allervollkommenste, ewigste Urmensch aus Sich Selbst" (Ev IV.56.1). "bevor alle Engel und Menschen waren, war Ich [der Herr] von Ewigkeit her wohl der erste Mensch" (Ev II.39.3). "Aber Ich zeigte dir dann auch, wie Gott Selbst ein Mensch ist, und wie aus diesem einzigen Grunde auch du und alle dir ähnlichen Wesen Menschen sind." (Ev I.155.5).
Aus dieser Quelle schöpft der Mensch sein Menschsein. Doch nicht nur er. Der gesamte Himmel ist vor Gott wie ein Mensch, Homo Maximus genannt. Auch jede himmlische Gesellschaft und jeder einzelne Engel erscheinen von daher in menschlicher Gestalt. So senkt sich das Göttlich-Menschliche hinab bis zum Menschen, der am Ende dieser Verknüpfung steht.
Die Lehre vom Homo Maximus gehört zu den großartigsten Ideen Swedenborgs. Obwohl er sich bewußt war, daß nur wenige Menschen Neues denken können, hält er diese Lehre für eine solche Neuheit. Mit vorsichtiger Zurückhaltung sagt er: "Wunderbares darf ich nun berichten und beschreiben, das - soweit ich weiß - noch niemandem bekannt geschweige denn in den Sinn gekommen ist." (HG 3624). Wenn das stimmt, dann ist es um so erstaunlicher, daß man diese Lehre auch bei Lorber findet:
SWEDENBORG: "Der Himmel korrespondiert mit dem Göttlich-Menschlichen des Herrn und ist daher in seiner Gesamtheit wie ein Mensch, weswegen er der Größte Mensch genannt wird." (HH zwischen 86 und 87). "Im Göttlich-Menschlichen des Herrn liegt die Ursache dafür, daß der Himmel im Ganzen wie in seinen einzelnen Teilen einen Menschen darstellt ... der gesamte Himmel stellt als Ganzes einen einzigen Menschen dar ... auch jede einzelne Gesellschaft im Himmel stellt einen Menschen dar" (HH 78). "Der ganze Engelshimmel ist vor dem Herrn wie ein einziger Mensch, ebenso auch jede himmlische Gesellschaft, folglich auch jeder einzelne Engel." (GLW 328). Vgl. auch HH 59-86.
LORBER: "Wenn ihr hinauf in Meine [des Herrn] unendliche Sphäre treten könntet, so würdet ihr das ganze unendliche Reich der Himmel nur als einen Geistmenschen erblicken." (GS I.8.11). "Aber des Menschen Form ist aller Formen Grenz- und Schlußstein, und seine Gestalt ist eine rechte Gestalt des Himmels; denn der ganze Himmel ... ist auch ein Mensch, und jeder Verein der Engel ist ebenfalls ein ganz vollendeter Mensch." (Ev IV.55.9). Vgl. auch Ev II.222.4-5. Im "Angesichte des Herrn dehnt sich da die Liebessphäre eines solchen seligen Geistes wie zu einem zweiten großen Menschen aus. Und diese Sphäre ist an und für sich so ganz eigentlich ein solcher Himmelsverein" (GS II.65.10).
Die Vorstellung eines Größten Menschen ist bei Swedenborg auf die geistige Welt beschränkt. Zwar sagt er, daß "alles im geschaffenen Universum (omnia universi creati)" das Bild eines Menschen darstellt (GLW 319), aber ausgeführt wird dieser Gedanke nur in Bezug auf die geistige Welt. Lorber hingegen weitet ihn auch auf das materielle Weltall aus, das er "Weltenmensch" (Ev VI.246.1) oder der "große Schöpfungsmensch" (Ev VIII.57.1) nennt.[5]
LORBER: "Mir ist es bekannt, daß alle Weltkörper samt ihren Bewohnern mit einem vollkommenen Menschen in vollkommener unabänderlicher Korrespondenz stehen, und zwar also, daß eine Welt entspricht einem Gliedteile, eine andere wieder einem anderen; und so korrespondieren zahllose Welten mit zahllosen Einzelheiten, aus denen ein vollkommener Mensch durch die Macht der göttlichen Weisheit geschaffen ist." (GS II.60.5).
Der irdische Mensch ist wahrer Mensch je bewußter er ein Teil des großen Zusammenhanges, der Verknüpfung alles Menschlichen ist. Das heißt, er ist ein Aufnahmeorgan des Lebens, das von Gott ausgeht:
SWEDENBORG: "Der Mensch ist nicht das Leben, sondern das Aufnahmeorgan (Receptaculum) des Lebens von Gott." (WCR 470-474). "Der Mensch ist ein gottaufnehmendes Organ (Organum recipiens Dei)." (WCR 34). "Der Mensch ist nicht das Leben in sich, sondern ein lebenaufnehmendes Organ (organum recipiens vitae)." (WCR 461[6]). "Der Mensch ist ein Empfänger des Lebens (recipiens vitae), nicht das Leben." (HG 2021).
LORBER: "Die Seele ist das Aufnahmeorgan für alle endlos vielen Ideen des Urgrundes, aus dem sie wie ein Hauch[7] hervorgegangen ist." (EM 52.4). "Also ist der Mensch auch von Mir erschaffen worden, auf daß er aufnehme das Leben ... Er ist nicht erschaffen worden in der Fülle des Lebens, sondern fähig nur, um diese nach und nach in sich aufzunehmen. Darum kann auch kein Mensch eher vollkommen wissen, was das Leben ist, als bis er dasselbe erst ganz vollkommen in sich aufgenommen hat." (HGt II.126.18).[8]
Auch Lorber kann den Menschen als ein Aufnahmeorgan bezeichnen. Und dennoch liegt eine interessante Akzentverschiebung vor. Während diese Redeweise bei Swedenborg die Vorstellung des göttlichen Einflußes nach sich zieht, fehlt dieser Gedanke bei Lorber fast vollständig. Stattdessen hat er die Konzeption eines göttlichen Geistfunkens in der Seele.[9] Trotzdem ist gelegentlich von einem Einfluß[10] die Rede. Er spielt jedoch keine so tragende Rolle wie bei Swedenborg.
Die bisher dargestellten Ideen Swedenborgs sind nach Ernst Benz "die höchste Verherrlichung des Menschen in der europäischen Geistesgeschichte"[11]. Doch der Mensch hat auch einen Schatten. "Der Mensch ist durch und durch böse; er ist ein zusammengetragener Haufen Böses (congeries malorum); sein ganzes Wollen ist nichts weiter als böse." (HG 987; vgl. auch HG 59). Ein vernichtendes Urteil, das an Luthers totus peccator (ganz Sünder) erinnert. Auch für Lorber steht fest:
LORBER: "Siehe, der Leib eines jeden Menschen ist ein wahres Millionengemenge von allen möglichen Leidenschaften der Hölle, die in eine gerichtete Form zusammengefaßt sind." (RB II.155.8).
Daher gilt: "Von sich aus rennt jeder in die Hölle" (HG 587; vgl auch HG 789 und 868). Die Krone der Schöpfung ist also ein Selbstmörder aus Leidenschaft!
Die Erbsündenlehre, die besonders durch Augustin dem Abendland eingeschärft wurde, findet sich auch in den neuen Offenbarungen. Unterschiede im einzelnen können hier freilich nicht untersucht werden, mir geht es nur um die Tatsache als solche:
SWEDENBORG: Das "Erbübel (Malum haereditarium)" stammt "von den Eltern, die auf ihre Kinder die Neigung zu demjenigen Bösen (inclinatio ad malum) fortpflanzen, in dem sie selbst waren ... Dennoch hängt es von jedem in der Familie selbst ab, ob er sich ihm hingeben oder davon abstehen will, denn jedem wird die eigene Wahl (arbitrio) belassen." (WCR 469). "Man meint, das Erbübel bestehe im Tun des Bösen; es besteht aber im Wollen und daherstammenden Denken des Bösen ... Es ist der innere Drang, der sich, auch wenn man Gutes tut, beigesellt." (HG 4317).
LORBER: Das "Erbübel" ist "die Trägheit oder die stets steigende Lust zum Müßiggange" (Ev V.204.8). Das Wort "Erbsünde" taucht auch Ev II.224.11 auf. Ihre Vererbung wird ausdrücklich gelehrt. "... und so werdet ihr [Adam und Eva] die Sünde als Erbe an alle übergehen lassen ..." (HGt I.10.14).
Aus der völligen Verlorenheit des Menschen, schon der Kinder, hat Augustin die Unverfügbarkeit der Gnade gefolgert. Im Heilsprozeß setzt Gott unbedingt den Anfang. Der dunkle Schatten dieser Lehre ist allerdings die Leugnung des freien Willens und die Lehre von der Prädestination. Beides findet man schon bei Augustin, der wiederum von Paulus (Römer 9) abhängig ist.
Hier setzt die Kritik der Neuoffenbarungen ein. Zwar ist es selbstverständlich richtig, "daß die Wiedergeburt allein vom Herrn bewirkt wird" (NJ 185), aber man darf den freien Willen des Menschen nicht leugnen oder gar eine Vorherbestimmung zur Hölle lehren. Das ist Wahnsinn! Augustins Lehre von der Sünde und Gnade erweist sich als der Sündenfall des Abendlandes, so wie die Gotteslehre der Sündenfall des Morgenlandes ist.[12]
Die freie Willensentscheidung lehren sowohl Swedenborg als auch Lorber:
SWEDENBORG: "Im Garten Eden wuchsen zwei Bäume, der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, um anzudeuten, daß dem Menschen in geistigen Dingen ein freier Wille verliehen wurde." (WCR 466-469).
LORBER: "Wie er [der Mensch] aber einen freien Willen hat, so hat er auch eine rechte Vernunft und einen freien Verstand, durch den er alles Gute und Wahre wohl erkennen und beurteilen kann, und da ihm die Kräfte danach reichlichst verliehen sind, so kann er auch völlig danach handeln." (Ev VII.202.5).
Auch die Ableitung des freien Willens aus einem Gleichgewicht einander widerstrebender Kräfte finden wir bei beiden:
SWEDENBORG: "Solange der Mensch in der Welt lebt, wird er in der Mitte zwischen Himmel und Hölle und dadurch im geistigen Gleichgewicht gehalten. Dies ist der freie Wille." (WCR 475-478).
LORBER: "Ich aber sage dir, daß Ich allein das wohl sicher am allerbesten und klarsten einsehe, wie eine Seele zum Behuf ihres kurzen, diesirdischen Probelebens in ein rechtes Gleichgewicht zwischen die Welt der Materie und jene der reinen Geister zu stellen ist, damit eben dadurch die volle Freiheit ihrer Liebe und ihres Willens bedungen wird. Daß für eine jede Seele die Materie ein gewisses Übergewicht haben muß, das ist darum so verordnet, auf daß die Seele dadurch genötigt wird, tätig gegen das kleine Übergewicht der Materie zu werden, um so von der Freiheit ihres Willens den rechten Gebrauch machen zu können; um aber das tun zu können, ist ihr die Lehre zu allen Zeiten klar aus den Himmeln gegeben, welche die Seele in eine vollkommene Freischwebe zwischen Geist und Materie[13] stellt." (Ev IX.181.8- 9).
Hätte der Mensch keinen freien Willen in geistigen Dingen, dann wäre Gott die Ursache nicht nur des Himmels, sondern auch der Hölle. Diese scheußliche Lehre von der doppelten Prädestination tauchte immer wieder in der Dogmengeschichte auf. Die katholische Kirche hat die Vorherbestimmung immerhin zu einem Vorherwissen der Sünden abgeschwächt; richtig überwunden hat sie diese Lehre aber nicht: "Gott hat durch seinen ewigen Willensratschluß bestimmte Menschen wegen ihrer vorhergesehenen Sünden zur ewigen Verwerfung vorherbestimmt."[14] Swedenborg und Lorber lehnen die Prädestinationslehre ab:
SWEDENBORG: "Jeder Mensch kann umgebildet werden; eine Prädestination gibt es nicht." (GV 322-330). "Eine grausame Irrlehre ist es, daß einige aus dem Menschengeschlecht aufgrund einer Prädestination verdammt sind." (GV 330).
LORBER: "der Herr hat keine Seele fürs Verderben, sondern nur für die möglichste Lebensvollendung erschaffen" (Ev V.97.6). "Denket euch aber nicht, daß das etwas derartiges sei, das die gewissen blinden Weltweisen [Philosophen] 'Bestimmung' nennen, als habe Gott schon für jeden Menschen bestimmt, was er in seinem kurzen oder längeren Leben zu gewärtigen hat!" (Ev VII.52.1).
Nach dem Willen des Herrn sind alle Menschen "zum Himmel vorherbestimmt und keiner zur Hölle" (GV 329).
[1] Ernst Benz. Emanuel Swedenborg: Naturforscher und Seher. Zürich 1969. Seite 459
[2] Gerhard Gollwitzer spricht von der "Menschwerdung des Menschen". Unseren Gedanken faßt er in die Worte: "Wir bekommen bei der Geburt die Menschengestalt 'auf Kredit', sie bedeutet Aufgabe und Zusage und Verheißung. Man wird an des Stauferkaisers Friedrich II. Wort erinnert: 'Über den Menschen ward der Mensch gestellt.'" (G.Gollwitzer. Die durchsichtige Welt: Ein Swedenborgbrevier. Zürich 1966. Seite 88).
[3] Lorber lehrt also eine Form des Panpsychismus (Allbeseelungslehre).
[4] Swedenborg bezeichnet den Menschen als "medium conjunctionis" (HH 112).
[5] Lorber: "Alle die zahllos vielen Hülsengloben [= Weltenalle] stellen in ihrer Gesamtheit einen ungeheuren, für eure Begriffe endlos großen Menschen dar." (Ev V.114.4). Vgl. auch Ev VI.245.16; Hg I.311.11. Dieser materielle Schöpfungsmensch ist nach Lorber mit dem gefallenen Lichtgeist Luzifer identisch.
[6] Vgl. auch HG 3318 mit zahlreichen Verweisstellen.
[7] In allen drei "theologischen" Sprachen bedeutet das Wort für "Seele" (hebr. nefesch; gr. psyche; lat. anima) ursprünglich "Hauch" oder "Atem". Das hebräische "nefesch" könnte sogar eine Lautmalerei des Atemholens sein.
[8] Lorber bezeichnet die Seele in Ev III.42.5 als "Aufnahmegefäß", in GS II.79.12 als "substantiell ätherisches Organ" "zur Aufnahme des Lebens". "Aufnahme-Organ" ist der Mensch nach Lorber auch als Schlußstein der Naturseelenentwicklung (Hg II.136.8).
[9] Während Swedenborg an der klassischen Zweiteilung des Menschen in Seele und Leib festhält, lehren die Lorberschriften die Dreiteilung (Trichotomismus) in Geist(funke), Seele und Leib. Allerdings kann man einwenden, daß Swedenborg ja auch eine Dreiteilung kennt, nämlich die in Seele, Gemüt (mens) und Leib.
[10] Folgende Formulierungen fand ich bei Lorber: "Also fließet auch der Himmel ein in den Teufel wie in die Engel Gottes; aber jeder von beiden verwendet ihn anders!" (Ev II.9.12). "... das beständige Einfließen des Herrn aus den Himmeln ..." (GS II.35.6). "... die göttliche Weisheit, wie diese beständig aus den Himmeln einfließt ..." (GS II.41.9).
[11] Ernst Benz a.a.O. Seite 402
[12] Für Swedenborg ist die abendländische Fehlentwicklung die Konsequenz der morgenländischen: "Die Konsequenz des heutigen Glaubens, der auf die Beschlüsse von Nicäa [Gotteslehre des Morgenlandes!] zurückgeht, besteht darin, daß Gott die Ursache des Bösen ist [Gnadenlehre des Abendlandes!]. Auf diesem Konzil wurde die noch heute geltende Ketzerei erdichtet und ausgeheckt, wonach drei göttliche Personen von Ewigkeit her bestehen sollen, deren jede für sich selbst Gott ist ... [Die Anhänger dieser Lehre] trugen aus lauter Bruchstücken einen Glauben zusammen, wonach das Verdienst oder die Gerechtigkeit des Herrn ... den Menschen zugerechnet werde. Damit aber niemand zugleich mit dem Herrn in dessen Verdienst eintreten könne, beraubten sie den Menschen völlig des freien Willens in geistigen Dingen ..." (WCR 489).
[13] Während Swedenborg von einem Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle spricht, finden wir bei Lorber ein solches zwischen Geist und Materie. Für Lorber ist die Materie quasi Hölle; für Swedenborg ist sie einfach nur der natürliche Grad des Seienden.
[14] Ludwig Ott, Grundriß der katholischen Dogmatik, Freiburg 1981, Seite 295
Veröffentlicht in: Offene Tore 2 (1993) 76-86