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Bruder Esau

Das Angesicht Gottes tritt mir entgegen

Thomas Noack

Genesis 33 schildert die Versöhnung zwischen Jakob und Esau. Jakob repräsentiert den Menschen, bei dem die Erkenntnis des Wahren vorherrscht. Dementsprechend verhält er sich klug bis listig. Esau hingegen repräsentiert das Gute bzw. die natürliche Güte. Dies wird in der berühmten Szene deutlich, wo Jakob seinem Zwillingsbruder Esau die Erstgeburt um ein Linsengericht abkauft: "Esau kam vom Felde, war erschöpft und sprach zu Jakob: Lass mich doch das Rote verschlingen, das Rote da, denn ich bin erschöpft." (Gen 25,29f). Aus diesen Worten tönt das Gefühl des Verlangens; es sind Worte des Affektes: Lass mich das Rote verschlingen. Was kümmert mich meine Erstgeburt?! Ich habe Hunger! Esau steht für die Unmittelbarkeit des Gefühls. Rot, die Farbe der Liebe, unterstreicht diese affektive Grundhaltung. Das Gefühl des Verlangens verhält sich allerdings ohne Jakob, die Intelligenz, nicht sehr klug; wie sich auch umgekehrt Jakob ohne Esau nicht sehr gut verhält. Beiden fehlt das je Andere; eigentlich gehören die Zwillinge zusammen, doch lange Zeit gehen sie getrennte Wege.

Die Güte Esaus kommt auch in der Versöhnungsszene zum Ausdruck. Nach 20 Jahren bei Laban kommt es zur Begegnung Jakobs mit Esau. Jakob befürchtet das Schlimmste: Er "erhob seine Augen und sah, und siehe, Esau kam und mit ihm vierhundert Mann" (Gen 33,1). Vierhundert Mann! Dagegen läßt sich die Schar Jakobs schnell aufzählen: Zwei Frauen, zwei Mägde, elf Söhne und eine Tochter. Die vierhundert Mann Esaus erzeugen Angst. Die Zahl vierhundert deutet die Bedrängnis an, der sich Jakob nun stellen muß. Doch die Rache bleibt aus: "Esau lief ihm entgegen, umarmte ihn, fiel ihm um den Hals, und küßte ihn und sie weinten." (Gen 33,4). Die Spannung entläd sich im wohlwollenden Entgegenkommen. Jakob wich der angstvollen Begegnung nicht länger aus; so konnte er die Erfahrung machen, daß der Gegenstand der Angst oft in der Wirklichkeit nicht so schrecklich ist wie in der Erwartung. Jakob, der Mann des hochgezüchteten Wissens, wurde fähig sein Gefühlsleben zu integrieren. Das ist für den, der im Wissen steht, ein Akt der Demütigung, ein schmerzvoller, aber notwendiger Akt.

Swedenborg leitet seine Auslegung von Genesis 33 mit den Worten ein: "Die vorigen Kapitel (Jakob bei Laban) handelten im inneren Sinn vom Erwerb des Wahren im Natürlichen. Dieser Erwerb soll mit dem Guten verbunden werden, denn alles (erworbene/angeeignete) Wahre ist um eines Zweckes willen da." (HG 4337). Das religiöse Wissen ist nicht Selbstzweck, sondern soll zum Tun des Guten anleiten. Nach Swedenborg ist jede Religion um ihrer ethischen Konsequenz willen da: "Alle Religion ist eine Angelegenheit des Lebens; und das Leben der Religion besteht im Tun des Guten." (LL 1). Doch zunächst dominiert die Leidenschaft des Wahren: "Jakob ist das Wahre und Esau das Gute, das mit dem Wahren eine Verbindung eingehen soll. Bevor sie geschieht, scheint das Wahre an erster Stelle zu stehen; danach jedoch steht das Gute tatsächlich an erster Stelle." (HG 4337). Die scheinbare und vorläufige Dominanz des Wahren wird durch den Abkauf der Erstgeburt (Genesis 25) und die Erschleichung des Segen (Genesis 27) dargestellt; beide Worte, Erstgeburt und Segen, sind übrigens im Hebräischen verwandt: HRKB (Erstgeburt) und HKRB (Segen). Für Esau bleibt nach diesem doppelten Verlust allerdings der gewichtige Trost übrig, daß das Ichbewußtsein des Intellekts nicht auf Dauer die unbewußte Lebendigkeit des Gefühls ausgrenzen kann, denn das prophetische Wort Isaaks über Esau lautet: "Aufgrund deines Schwertes wirst du leben (= aufgrund der herbeigeführten Versuchungskämpfe), und deinem Bruder wirst du dienen (= die Abhängigkeit des Gefühls von der intellektuellen Entscheidung oder Zustimmung); doch es wird geschehen, sobald du herrschen wirst, reißst du sein Joch von deinem Hals." (Gen 27,40). Das vorläufige Dominanzverhältnis wird umgekehrt werden; nicht der Verstand des Wahren soll das Gefühl, sondern das Gefühl des Guten soll den Verstand beherrschen. Das warme Gefühl soll die Steuerung der Gesamtpersönlichkeit übernehmen (ex amore lux!). Der unberechenbare und daher angstverursachende Esau soll die Berechnungen des Verstandes kontrollieren; ein Wagnis, auf das sich Jakob früher oder später einlassen muß. In Genesis 33 wird uns diese schmerzhafte Unterwerfung in großartigen Bildern vor Augen geführt: "Daher nennt Jakob Esau seinen Herrn und sich Knecht." (HG 4337). Jakob bildet nach seinen Dienstjahren bei Laban das Gute des Wahren vor, das heißt denjenigen Menschen, der sich aus der Kenntnis des Wahren um das Tun des Guten bemüht. Dieses Gute ist aber immer noch ein intellektuelles Gutes; gleichwohl ist es die notwendige Vorstufe der Begegnung mit Esau. Dazu Swedenborg: "Das Gute des Wahren ist an sich betrachtet nur Wahres. Solange nämlich das Wahre nur im Gedächtnis ist, heißt es Wahres; wenn es hingegen im Willen und der Tat ist, dann heißt es das Gute des Wahren (= das praktizierte Wahre), weil nämlich das Tun des Wahren nichts anderes als das Gute des Wahren ist … Das Wahre kann erst dann mit jenem Guten verbunden werden, das durch den inneren Menschen einfließt und göttlichen Ursprungs ist und durch Esau vorgebildet wird, wenn das Wahre auch im Willen und in der Tat wahr ist, d.h. wenn es zum Guten des Wahren geworden ist. Denn das durch den inneren Menschen einfließende Gute göttlichen Ursprungs fließt in den Willen ein und begegnet dort dem Guten des Wahren, das durch den äußeren Menschen eingepflanzt worden ist." (HG 4337). In Genesis 33 erleben wir also, wie der im Wissen des Wahren stehende Mensch (Jakob), nach langjähriger Übung im Guten (Dienst bei Laban), nun endlich den entscheidenden Schritt wagen kann: die freiwillige Unterwerfung unter die göttliche Macht des Guten. Dieses Gute ist nicht mehr nur die Ausübung und Anwendung von Geboten; dieses Gute ist vielmehr das Angesicht Gottes. Wer sich diesem stellen kann, der erlebt die Versöhnung mit Esau.

Jakob erhebt seine Augen und sieht: Esau kommt ihm mit vierhundert Mann entgegen. Gewaltig ist der Andrang des Göttlichen! Jakob erkennt, daß er der, der er ist - der reiche Jakob, nicht länger sein kann. Die Notwendigkeit der Wandlung ist an ihn herangetreten. Doch sie verursacht Angst. Jakob ordnet seine ganze Habe, die Mägde und ihre Kinder, Lea und ihre Kinder, Rachel und Joseph; seine ganze Habe, die jedoch angesichts des Mächtigen so ohnmächtig und zerbrechlich wirkt. Er bringt alles in Ordnung. Dann zieht er Esau entgegen nicht stolz, sondern unterwürfig: "Er warf sich nieder auf die Erde siebenmal bei seiner Annäherung an seinen Bruder" (Gen 33,3). Totale Unterwerfung! Das hebräische Verb bezeichnet an anderen Stellen diesen Akt vor Gott (coram Deo); siebenmal geschieht er, womit er als heiliges Geschehen qualifiziert ist. Esau aber nimmt Jakob an: "Esau lief ihm entgegen, und umfaßte ihn, und fiel ihm um den Hals, und küßte ihn, und sie weinten." (Gen 33,4). Nachdem sich Jakob dem Esau ausgeliefert hat, Widerstände überwunden und seiner Angst standgehalten hat, erweist sich Esau als die Macht des Guten, die uns aufrichtet und nicht noch mehr niederdrückt. Unser Feind war nicht Esau, sondern die Angst, die unser Leben beherrschte, uns verfolgte; jene Angst, die der Schatten unserer Taten ist; jene Angst, coram Deo nicht bestehen zu können, - aus deren Krallen wir erst dann entlassen werden, wenn wir coram Deo nicht mehr bestehen wollen. Alles gehört Dir, Bruder Esau! Meine ganze Habe schmilzt vor Deinem Angesicht wie der Schnee des letzten Winters dahin.

Der Name Jakob wird im Hebräischen mit "Ferse (akeb)" (Gen 25,26) und mit "hintergehen/betrügen (akab)" (Gen 27,36) in Verbindung gebracht. Bekanntlich griff Jakobs Hand bei der Geburt nach Esaus Ferse, was bedeutet, daß das Wahre dem Guten zwar anhängt, aber noch nicht dauerhaft. Jakob profiliert sich nämlich zunächst auf Kosten Esaus, so daß der schließlich ausrufen muß: "Heißt er etwa darum Jakob, weil er mich nun schon zweimal betrogen hat?! Meine Erstgeburt hat er genommen, und siehe, nun hat er auch meinen Segen genommen." (Gen 27,36). Das Betrügerische im Wesen Jakobs kommt übrigens auch bei Hosea zur Sprache: "Im Mutterleibe hat er seinem Bruder die Ferse unterschlagen (akab), und in seiner Vollkraft mit Gott gekämpft." (Hos 12,4/HG 3304). Und bei Jeremia lesen wir: "Der Mann hüte sich vor sei nem Ge nossen, und vertraue auf keinen Bruder; denn jeder Bruder überlistet (akab) und jeder Genosse geht als Verleumder umher." (Jer 9,3/HG 2360). Swedenborg übersetzt hier überall das Verb akab mit supplantare, um den Zusammenhang mit der Fußsohle (lat. planta) zu wahren (supplantare kann man mit "jmd. ein Bein stellen" übersetzen).

Der Fuß als Symbol des Natürlichen (Erdverhaftung) begegnet uns in den Jakobserzählungen gewissermaßen auf Schritt und Tritt. Die Himmelstreppe (Genesis 28) steht (mit ihrem Fuß) auf der Erde, während (so die wörtliche Übersetzung) ihr Haupt den Himmel berührt. Für Jakob, der das natürliche/erdverhaftete Wahre bezeichnet, ist kein passenderes Bild als das der Himmelstreppe (Verbindung von Fuß- und Hauptbereich, von unten und oben) denkbar. Nach diesem Traum erhebt er seine Füße (sein Natürliches) und geht in das Land der Söhne des Ostens (Gen 29,1); er wendet sich den inneren Wahrheiten zu. Dort gilt sein ganzes Streben der schönen Rachel (R-Ch-L); Fuß heißt hebräisch Rägäl (R-G-L). Beide Worte sind also, abgesehen vom Mittellaut (der jedoch in beiden Fällen ein Guttural ist), identisch. Als Jakob dann seinen Lohn von Laban fordern kann, sagt Jakob: "Jehovah hat dich durch meinen Fuß gesegnet" (Gen 30,30). Das heißt: durch mein Natürliches. Vor der Begegnung mit Esau ringt Jakob am Jabbok. Besteht ein innerer Zusammenhang zwischen den ähnlich klingenden Worten Jakob und Jabbok? Beabsichtigt scheint auf jedem Fall das hebräische Wortspiel Jabbok und abak/ringen zu sein, denn dieses Verb begegnet im gesamten AT nur hier. Wenn also ein Zusammenhang zwischen Jakob und Jabbok bestehen sollte, dann auch zwischen Jakob und "ringen" (wie übrigens auch zwischen Israel/Gottesstreiter und streiten: Gen 32,28). Als Folge dieses Ringens wird die Höhlung der Hüfte ausgerenkt; die Höhlung aber (wörtl. die hohle Hand) verbindet die Hüfte mit den Füßen (siehe HG 4280). Die Bedeutung kann hier nur angedeutet werden: die eheliche Liebe (Hüfte/Lende = Bereich der Zeugung) als der Himmel in uns kann sich nur gebrochen in das natürliche Gute fortpflanzen. Dennoch ringt Jakob seinem Gegenüber den Segen ab (vgl. die Ähnlichkeiten mit dem Verhalten gegenüber Esau). Nach der Versöhnungsszene (Genesis 33) verhindern die zarten Kinder und säugenden Tiere die Weiterreise Seite an Seite mit Esau; Jakob sagt: "Möge doch mein Herr seinem Knechte vorausgehen; und ich will langsam weiterziehen nach dem Fuß meiner Arbeit/Schufterei (hebr.: Maloche; gemeint sind die Herden), die vor mir (ist), und nach dem Fuß meiner Geburten (gemeint sind die Kinder), bis daß (auch) ich zu meinem Herrn nach Seir komme." (Gen 33,14). Der Fuß bezeichnet hier die Begrenzungen und Einschränkungen (das Schrittmaß), die durch das Natürliche gegeben sind. Und schließlich der Tod Jakobs, er wird mit den folgenden Worten erzählt: "Jakob hörte auf, seinen Söhnen zu gebieten; er zog seine Füße ins Bett und hauchte (seine Seele) aus und wurde zu seinen Völkern versammelt." (Gen 49,33). Alle diese Stellen enthüllen uns (wenn wir ihren spirituellen Sinngehalt studieren) Jakob als den natürlichen Bereich, der aufgrund seiner Verfehlungen nur schwer wiederzugebären ist.

Die Konfrontation mit Esau ist für Jakob eine Art Gottesbegegnung, denn er sagt: "Nicht doch, fände ich doch Gnade in deinen Augen, daß du mein Geschenk (hebr. Mincha: Geschenk an die Gottheit, bes. Speisopfer) aus meiner Hand nähmest! Denn darum habe ich dein Angesicht gesehen, wie man das Angesicht Gottes sieht; und du hattest Wohlgefallen an mir." (Gen 33,10). Esau ist für Jakob das Angesicht Gottes, weil uns im Guten das göttliche Wesen begegnet; jedenfalls intensiver und unmittelbarer als nur im Wahren. Bei Laban in der Fremde ist Jakob reich geworden; mit dem Reichtum einer gereiften Persönlichkeit überantwortet er sich nun Esau, dem uns im Guten entgegenkommenden Angesicht Gottes. Das ist der schicksalshafte Augenblick: die Erkenntnis, daß alles erworbene Gut erst dann wirklich gut wird, wenn es mit dem uns von innen her entgegenkommenden Guten eins wird. Für Jakob ist diese Begegnung auch eine Wiedergutmachung. Denn er hatte seinen Bruder um den Segen betrogen (Gen 27); und nun bringt er ihm diesen Segen zurück, nun sagt er: "Nimm doch meinen Segen, der dir zugeführt worden ist, denn Gott hat mich gnädig begabt und ich habe alles." (Gen 33,11). Damit schließt sich der Kreis: Der Segen wird zurückerstattet; Jakob hat Gnade gefunden in den Augen seines Herrn.

Abgeschlossen am 16.4.1997. In: Offene Tore 4 (1997) 151-156;