kleinsatz-ks5" Thomas Noack: Jakobs Frauen und Kinder

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Jakobs Frauen und Kinder

Aspekte der Kirche im Menschen

Thomas Noack

Wer ist Jakob in uns?

Jakob entspricht "dem Wahren auf der Ebene des Göttlich Natürlichen"[1] (3279)[2]. Was heißt das? Im Denken Swedenborgs hängen das Gute und Wahre eng zusammen (vgl. beispielsweise NJ 11ff). Das Wahre wird als die Form oder Gestalt des Guten verstanden (forma boni: 668). Das hat zahlreiche Implikationen; zum Beispiel, daß das bloße (Gedächtnis)wissen nicht wahr sein kann, solange es nicht Ausdruck (forma) der Wärme oder Güte des Herzens ist. In den Offenbarungstexten durch Jakob Lorber (1800 - 1864) begegnet uns dieser Sachverhalt als das Herzdenken und die damit verbundene Gehirnlehre (vgl. GEJ II,62,1-5). Das Wahre ohne das Gute ist ein Unding (eine Lüge). Gleichwohl können die bloßen Formen (Engramme) - Swedenborg nennt sie die Wissensdinge (scientifica) - eine Zeitlang ohne das Wesen des Guten existieren (das ist die formale oder intellektuelle Bildung). Doch im Prozeß der Neugeburt der Geisteskräfte (regeneratio) muß sich das Wahre des Bewußtseins früher oder später der Macht des von innen her einfließenden Guten beugen (dargestellt in Genesis 33). Jakobs Biographie versinnbildlicht den zeitweiligen Vorrang des Wahrheitsbewußtseins gegenüber den viel subtileren und lange Zeit unbewußt bleibenden Beeinflussungen durch das Gute des inneren Geisteslebens. Soweit einige Erläuterungen zum Wahren.

Nicht minder klärungsbedürftig ist der Begriff des Göttlich Natürlichen (Divinum Naturale). Hier muß ich sofort eine ganz grundsätzliche Einschränkung machen; meine Auslegung der Geburtenfolge der Jakobssöhne wird sich auf die Wiedergeburt des Menschen beschränken müssen, wobei ich mich (auch das eine Einschränkung) im Horizont einer kirchlich gebundenen Sprache bewegen werde. Man soll aber wissen, daß das göttliche Wort, die Heilige Schrift oder Bibel, im innersten Grunde nichts anderes ist als der göttliche Logos (Johannesprolog), der im Anfang aller Dinge schon gesprochen (Genesis 1) und in der großen Zeit der Zeiten als das fleischgewordene Wort das Urwesen Gottes ausgelegt hat (Joh 1,18). Daher zielt die höchste Interpretationsstufe der Heiligen Schrift auf die Verherrlichung des Herrn (glorificatio Domini); diese Sinnebene berühre ich im folgenden jedoch nicht.

Deswegen wird das Göttlich Natürliche nicht als die eigentliche Gottnatur vorgestellt, sondern auf die Erfahrbarkeit des göttlichen Einflusses in der menschlichen Natur reduziert. Die drei Erzväter, also Abraham, Isaak und Jakob, bezeichnen dann die stufenweise Bewußtwerdung der Gotteskraft (Abraham) vermittelt durch die Ratio (Isaak) in der menschlichen Erfahrungswelt (Jakob und Esau). Dort ist erkennbar, sofern man sich von der Vernunft[3] leiten lassen will, daß das Gute und Wahre die natürlichen Ausläufer einer transzendenten Wirklichkeit sind; andernfalls wären sie der Willkür, Beliebigkeit und Definitionsmacht der Menschenwelt unterstellt und ausgeliefert. Man kann ahnen, daß das Gute und Wahre ewige Werte sind, wenngleich ihr konkreter Inhalt immer wieder neu bestimmt werden muß; als ewige Forderung an uns Menschen können sie ihren Ursprung nicht in der Zeitlichkeit haben. Das Göttlich Natürliche ist also in der alle Menschheitsepochen durchziehenden Frage und Suche nach dem Guten und Wahren greifbar.

Wieso bezeichnet ausgerechnet Jakob, der Betrüger, das Wahre? Wäre es nicht angemessener, wenn er für das Falsche stünde? Diese Alternative ist keine wirkliche, denn jeder Mensch hält sein Falsches für wahr. Vor Gott sind Wahrheit und Falschheit ewig unvereinbar; in der Menschenwelt aber wird diese Wahlmöglichkeit oft nur unzureichend und verschwommen wahrgenommen. Man nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, so daß die größten Irrtümer zur allgemein anerkannten Überzeugung einer Zeit gehören können; auch im individuellen Leben können Selbstbetrug und Phantasiewelten einen ganzen Lebenslauf beherrschen, ohne daß die betreffende Person es merkt.

Zudem zeigt ein Blick in die Jakobserzählungen, daß er keineswegs nur als Betrüger dargestellt wird. Gewiß, Esaus Entsetzen nach dem Segensbetrug hat Jakobs Namen für alle Zeiten mit der Anfrage verbunden: "Heißt er etwa deswegen Jakob, weil er mich nun schon zweimal hintergangen hat?" (Gen 27,36). Nomen est omen! Jakob und das hebr. Verb für hintergehen, betrügen usw.[4] lauten gleich. Aber Jakob ist nicht nur der Betrüger; es heißt auch: "Jakob war ein sittenreiner Mann (Swe.: vir integer), der in Zelten wohnte" (Gen 25,27). Das hier mit "sittenrein" übersetzte hebr. Wort dient auch zur Charakterisierung des frommen Hiob (Hiob 1,1.8; 2,3) und in leicht veränderter Form[5] zur Charakterisierung des untadeligen Noah (Gen 6,9) und des rechtschaffenen Abram (Gen 17,1). Den interessierten Leser verweise ich auf Swedenborgs Ausführungen über dieses Wort in 612, 1994 und 3311. Aufhorchen läßt auch, daß Jakob in Zelten wohnte; Zelte bezeichnen das Heilige der Liebe und des Gottesdienstes (3312). Jakob versinnbildlicht also den in der ethischen Wahrheit wohnenden und lebenden Menschen.

Diese makellose Persönlichkeit hat jedoch ihre Schattenseiten. Aufschlußreich ist Jakobs Selbstcharakterisierung: "Ich bin ein glatter Mann (Swe.: vir levis)" (Gen 27,11). Ein Mann ohne Ecken und Kanten. Vor solchen anständigen Leuten sollte man sich in Acht nehmen! Ganz ähnlich wie im Deutschen hat nämlich auch im Hebräischen das Wort glatt die Nebenbedeutung "einschmeichelnd", beispielsweise im Psalter: "Ihre Kehle ist ein offenes Grab, (aal)glatt ist ihre Zunge." (Ps 5,10). Jakob ist also eine ambivalente Gestalt; doch gerade in dieser Doppelwertigkeit ein guter Spiegel, um sich der Brüche, die durch die eigene Existenz gehen und gerade auch bei religiösen Menschen zu finden sind, bewußt zu werden.

Rachel und Lea

Rachel ist die große Liebe Jakobs. Der sonst so intellektuelle, auf seinen Vorteil bedachte Jakob wird beim Anblick der schönen Rachel von seinen Gefühlen überwältigt: "Jakob küsste Rachel und erhob seine Stimme und weinte." (Gen 29,11). Zuvor hatte er den Brunnen geöffnet; nun öffnete er ihr den Quellgrund seines Herzens. Zuvor hatte er das Kleinvieh Labans getränkt; nun tränkte er Rachel mit den Küssen seiner Liebe. Tränken und küssen klingen im Hebräischen ähnlich. Sieben Jahre diente er um Rachel: "Und sie waren in seinen Augen wie wenige Tage; so sehr liebte er sie." (Gen 29,20). Doch als die sieben Jahre erfüllt waren, wurde ihm die häßliche Lea untergeschoben[6]. Die geliebte und die verhaßte Braut sind Sinnbilder der schönen Seelenbraut und der häßlichen Welt, mit der wir nolens volens viele Kinder zeugen, obwohl doch unsere ganze Liebe der himmlisch schönen Rachel gilt.[7]

Den inneren Sinn von Rachel und Lea können wir aus Genesis 29,16f ersehen, denn dort werden die ungleichen Töchter Labans charakterisiert: "Laban hatte zwei Töchter: der Name der älteren war Lea; der Name der jüngeren war Rachel. Die Augen Leas waren schwach; während Rachel von schöner Gestalt und schönem Aussehen war." Es ist leicht einzusehen, daß die Augen des Körpers auf der seelischgeistigen Ebene dem Verstand entsprechen. Leas Vermögen zu verstehen war schwach ausgebildet. Swedenborg übersetzt das hebr. Wort mit debilis = geschwächt, entkräftet, gebrechlich, gelähmt, verkrüppelt usw. Die Grundbedeutung scheint schwach oder kraftlos zu sein. Die Kraft und Stärke des Verstandes sollte die Fähigkeit sein, Wahrheiten klar und deutlich zu erfassen. Diese Fähigkeit ist bei Lea nur schwach entwickelt. Leas Augen bezeichnen daher das vom Weltlicht getrübte und somit geschwächte und beschränkte Verständnis des Wahren. Swedenborg sieht in Lea ein Sinnbild der "äußeren Kirche" (409) bzw. der "Neigung (affectio) zum äußeren Wahren" (3782). Die äußere Kirche schöpft ihr ganzes Wissen aus Überlieferungen, konkret aus Texten, besonders aus den kanonischen Texten der Bibel. Die schwachen, matten und erloschenen Augen Leas deuten auf die bei vielen Exegeten kaum noch vorhandene Fähigkeit hin, den Lebenssinn der heiligen Überlieferungen wahrzunehmen und auszulegen. Das hebr. Wort für Auge bedeutet übrigens auch Quelle. Leas Quelle ist die Heilige Schrift; schwach ist sie, solange man nur ihren historischen Sinngehalt ausschöpfen, ihren Geistsinn aber nicht sehen will. In der äußeren Kirche herrscht das Interesse an der äußeren Wahrheit (affectio veri exterioris, 3782), sei es in der historischen Forschung[8], sei es bei den Fundamentalisten; dieses Interesse bezeichnet Lea.

Rachel ist von schöner Gestalt und schönem Aussehen. Die hebr. Worte für Gestalt und Aussehen sind vom Verb sehen abgeleitet. Wiederum wird unsere Aufmerksamkeit auf die Wahrheitserfassung gerichtet; diesmal jedoch nicht auf die Augen als das Organ des Sehens, sondern auf die Wahrnehmungen als solche. Rachels Wesen pflanzt sich nämlich in Josef, der intuitiven Wahrheitserfassung, fort; er wird mit genau denselben Worten wie seine Mutter beschrieben: "Josef war von schöner Gestalt und schönem Aussehen." (Gen 39,6). Die schöne Gestalt und das schöne Aussehen beschreiben die aus dem inneren Gottesgeist aufsteigenden Gedankenformen. Die Gestalt (Swe.: forma) bezieht sich auf die innere Wesensform; das Aussehen (Swe.: aspectus) hingegen auf die äußere Erscheinungsform[9]. Schönheit ist die Wohlgeformtheit der im inneren Geisteslicht erschauten Formen; oder mit Swedenborgs Worten gesagt: "Schönheit ist die Form des Wahren aus dem Guten" (10540). Rachel und ihr Sohn (Wahres) sind schön, weil sie ihre Gestalt und Ausstrahlung aus dem inneren Lebensguten der Liebe empfangen. Daher erblickt Swedenborg in Rachel das Urbild der inneren Geisteskirche (ecclesia interna: 409) und die Lebensausrichtung auf das innere Wahre (affectio veri interioris: 3782).

An dieser Stelle sind einige Worte zum swedenborgschen Terminus affectio[10] (meist mit Neigung übersetzt) notwendig, denn dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, daß die Mütter Israels (der Kirche) für affectiones stehen. Was also versteht Swedenborg unter affectio? Sie ist das continuum amoris (3938), das heißt: das mit der (Lebens)liebe[11] ununterbrochen Zusammenhängende und unablässig Zusammenwirkende. Betrachtet man den Menschen als einen Baum (eine in der Heiligen Schrift verbreitete Metapher für den Menschen), dann ist die Lebensliebe der Stamm und die Neigungen sind die Verästelungen unseres Lebensbaumes. Die Liebe als die in der Seele verborgene Lebensenergie fächert den ihr innewohnenden Reichtum in den Neigungen, die bewußtseinsnäher sind, aus; dazu Swedenborg: "Wenn die Liebe des Willens in die Weisheit des Verstandes übergeht, dann wird sie zuerst zur affectio (zur bewußten Abzweigung aus der Liebe)" (GLW 364). Die affectio ist also die Gestaltung der Liebe im Verstand (Bewußtsein); dort, in der Sphäre des Lichtes, kann die Liebe ihren Reichtum erschauen, eben in Form der Neigungen oder Lebensinteressen. Da die affectiones mit der Liebe zusammenhängen (continuum amoris), sind sie "das eigentliche Leben bzw. die Seele des Denkens (anima cogitationis)." (9550). Sie animieren (beleben) unser Denken.

Die historischen Gestalten der Mütter Israels sind also Urbilder und korrespondieren daher mit dem Interesse (dem erkenntnisleitenden Interesse), das allen Zeugungen und Erzeugnissen des Geistes als Mutterschoß zugrunde liegt. Mit diesen Müttern zeugt Jakob seine Söhne.

Daß Lea die ältere ist will sagen, daß das Interesse an den äußeren Wahrheiten früher da ist als das Angeregtsein aus dem eigenen, inneren Geistesgrund (3819). Jeder baut eben sein Haus viel lieber auf Sand als auf Stein.

Die Genesis: Das Buch der Geburten

Geburtenformel als Strukturprinzip der Genesis

Da im folgenden von Geburten die Rede sein wird, weise ich darauf hin, daß die gesamte Genesis als ein Buch der Geburten angesehen werden kann, denn  - siehe Abbildung 1 - die Geburtenformel (die Toledotformel) bildet das Gerüst des Buches. Alle Erzählabschnitte werden durch diese Formel eingeleitet. Zuerst in Genesis 2,4, wo es heißt: "Dies sind die Geburten[12] des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden." Diese Überschrift[13] leitet die "Bildungen (formationes) des himmlischen Menschen" (89) oder, wie Swedenborg auch sagen kann, der "Urkirche (Ecclesia Antiquissima)" (1330) ein, also den Erzählkomplex bis Genesis 4. Dann in Genesis 5,1 heißt es: "Dies ist das Buch der Geburten des Menschen (hebr. Adam)." In zehn Generationen wird der Übergang von Adam (Urkirche) bis Noah (Alte Kirche) vollzogen. In Genesis 6,9 heißt es: "Dies sind die Geburten Noahs." Diese Überschrift leitet die Sintflut- bzw. Noaherzählungen ein, die von der Bildung (formatio) einer (damals) neuen Kirche handeln (605); Swedenborg nennt sie in der Regel die Alte Kirche. Es folgt, Genesis 10, die Völkertafel; auch dort die Toledotformel (Gen 10,1.32). Ab Genesis 11,10, nach der Turmbauerzählung, wird - ebenfalls in zehn Generationen! - die Semitenlinie bis Abram ausgezogen, womit der Übergang von den Urgeschichten (Genesis 1 - 11) zu den Erzvätererzählungen gegeben ist; einleitend wiederum die Toledotformel: "Dies sind die Geburten Sems." (Gen 11,10). Die Erzählungen über Abraham beginnen mit: "Dies sind die Geburten Terachs." (Gen 11,27). Man kann sich fragen, ob die Abrahamerzählungen deswegen nicht besser Teracherzählungen heißen sollten. Der Seitenzweig Ismael wird mit der Toledotformel in Genesis 25,12 eingeleitet; der Hauptzweig Isaak dann mit der Formel in Genesis 25,19: "Dies sind die Geburten Isaaks." Es folgen die sog. Jakobserzählungen (besser Isaakserzählungen?). Der Seitenzweig Esau (die Edomiter) wird in Genesis 36 summarisch dargestellt (die Formel in Gen 36,1.9). Der letzte große Erzählabschnitt der Genesis, die sog. Josefsnovelle, beginnt mit der Formel: "Dies sind die Geburten Jakobs." (Gen 37,2).

Diese Übersicht zeigt, daß es berechtigt ist, die Genesis als das Buch der Geburten zu bezeichnen; von daher bekommen nun die Geburten der Mütter Israels in Genesis 29,31 bis 30,24 ein besonderes Gewicht. Daher einige Bemerkungen zum spirituellen Sinn von "geboren werden". Aus der Traumforschung ist bekannt, daß ein neuer Lebensabschnitt durch einen Geburtstraum angekündigt werden kann. Durch die Geburt wird ein neues Leben ins Dasein entlassen. Die Heilige Schrift handelt vom Leben und der Einhauchung des Lebens in die noch toten Formen: "Jehovah Gott formte (töpferte) den Menschen aus Lehm vom Boden und blies seiner Nase den Lebensodem ein; so wurde der Mensch zur lebendigen Seele." (Gen 2,7). Mit diesen Worten beginnt die Geschichte des Adam; doch auch seine Tragik: die Todverfallenheit. Deswegen mußte Jesus in die tote Welt kommen, um ihr das neue Leben einzuhauchen: "Nachdem er (Jesus) das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist!" (Joh 20,22; vgl. ergänzend Joh 6,63). Das Leben ist das große Thema der Heiligen Schrift; daher ist es angemessen unter der biologischen Geburt die geistige zu verstehen, die Neugeburt (von neuem geboren werden: Joh 3,3). Die Neuoffenbarung bevorzugt diesen Ausdruck; während der sonst übliche juristische, nämlich die Rechtfertigung (iustificatio), praktisch bedeutungslos ist. Swedenborg kann sogar schreiben: "Die Kirchenchristen wissen heutzutage so wenig über die Wiedergeburt, weil so viel von die Sündenvergebung und Rechtfertigung gesprochen wird." (5398). Lassen wir uns also vom Buch der Geburten leiten; lassen wir uns die Augen dafür öffnen, daß es um die Gestaltwerdung des neuen Lebens aus Gott geht. Diese Gestaltwerdung ist das Thema des nun zu behandelnden Textabschnittes Genesis 29,31 bis 30,24.

Zur Struktur von Genesis 29,31 bis 30,24

Struktur von Genesis 29,31-30,24

Aus der Strukturanalyse (siehe Abbildung 2) ist ersichtlich, daß die Geburten einem relativ festen Schema folgen: 1.) die formelhafte Erwähnung der Empfängnis und Geburt, 2.) der Namenssatz und 3.) die Namensgebung (übrigens immer durch die Mutter)[14]. Wenn man dies als das Normalschema ansieht, dann fallen Unregelmäßigkeiten bei Ruben (erst Namensgebung, dann Namenssatz), bei Gad und Ascher (die Empfängnisformel fehlt), bei Dina (der Namenssatz fehlt) und bei Josef (zwei Namenssätze) auf. In der Strukturübersicht sind auch die Zwischenteile (rechte Spalte) zu sehen. In der folgenden Auslegung werden ich mich auf die Namenssätze konzentrieren; dennoch sollen auch einige der Unregelmäßigkeiten und Zwischenteile in den Blick genommen werden. Ausführlichkeit ist jedoch schon aus Platzgründen nicht möglich.

Die ersten vier Leageburten

Im folgenden soll die Bedeutung der Jakobssöhne aus ihren Namenssätzen abgeleitet werden. In diesen Sätzen werden die Namen mit lautverwandten Worten (meist Verben) in Verbindung gebracht; diese Bezugsworte werde ich durch Kursivschrift hervorheben (auch Bibelübersetzungen informieren darüber). Darüber hinaus dient aber nicht nur das Bezugswort, sondern der ganze Namenssatz zur Erkenntnis des geistigen Sinnes.

Allgemein bezeichnen die Jakobssöhne "die Universalien oder hauptsächlichen Gegebenheiten der Kirche" (Ecclesiae universalia: 3861). Denn aus den Jakobssöhnen wurden die Stämme des Gottesvolkes; und später wählte Jesus in Anlehnung an den Zwölfstämmeverband zwölf Jünger[15] aus, um anzudeuten, daß sich das neue Gottesvolk um ihn sammeln wird.

Der Namenssatz für Ruben lautet: "Denn Jehovah hat mein Elend gesehen, denn nun wird mein Mann mich lieben." (Gen 29,32). Ruben wird von "sehen" abgeleitet.[16] Das geistige Sehen besteht in der Überzeugung vom Wahrheitsgehalt bestimmter Thesen, theologisch gesprochen im Glauben, genauer im intellektuellen Glauben (fides intellectu: 3863); dieser etwas mißverständliche Ausdruck meint den Glauben, insofern er Sache des Verstandes ist, insofern er das Fürwahrhalten von etwas ist. Die katholische Kirche unterscheidet zwischen dem Glauben im objektiven Sinne (fides quae creditur)[17] und im subjektiven Sinne (fides qua creditur)[18]. Der erstgenannte Glaube ist derjenige an vorgegebene Lehrsätze; der zweite ist das Vertrauen. Der erstgenannte ist Ruben (die Erstgeburt der äußeren Kirche); der zweite Simeon.

Ruben ist "das Wahre des Glaubens" (verum fidei: 3860). Mit dem Akt oder der Fähigkeit, an etwas (z. B. die neuen Offenbarungen) zu glauben, beginnt die neue Geburt aus Wasser (dem Glaubenswahren) und Geist (der inneren Bekräftigung); draußen stehen jene, die von sich sagen müssen: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." (Dr. Faust). Das ist das Leiden der Doktoren. Ohne Beweise wollen sie nicht glauben; und da es Beweise nicht gibt, können sie nicht glauben. Daher ist Ruben (der Glaube an etwas) der unverzichtbare Anfang der Wiedergeburt (3860).

Das Elend Leas besteht darin, daß sie vom Wissen zum Wollen des Guten durchdringen will (3864). Das geschieht durch Versuchungen, weswegen Swedenborg das hebr. Wort hier mit afflictio (Anfechtung) übersetzt. Auf der Buchstabenebene bezieht sich das Elend oder die Trübsal Leas darauf, daß sie von ihrem Mann nicht geliebt wird. Dem entspricht auf der geistigen Ebene die relative Wertlosigkeit oder Minderwertigkeit des nur Äußerlichen. Durch ihre Geburten will Lea diesen Mangel ausgleichen; die sehnlichst herbeigewünschte Überwindung des Verhaßtseins (Gen 29,31) durchzieht ihre Geburten: "Nun wird mein Mann mich lieben" (Gen 29,32 nach der Geburt Rubens); "Jehovah hat gehört, daß ich verhaßt bin" (Gen 29,33 nach der Geburt Simeons); "Nun endlich wird mein Mann mir anhänglich sein" (Gen 29,34 nach der Geburt Levis). In der Liebesäpfelepisode schreit Lea ihr ganzes Leid hinaus: "Ist es nicht genug, daß du (Rachel) mir meinen Mann genommen hast?" (Gen 30,15). Und dann die letzte Geburt Leas. Bringt sie endlich die Erfüllung ihrer unerfüllten Liebe? Lea hofft: "Diesmal wird mein Mann mir beiwohnen" (Gen 30,20 nach der Geburt Sebulons).

Leas Leid wird mit Jehovahs Erbarmen beantwortet. Es fällt nämlich auf, daß die Leageburten Ruben, Simeon und Juda mit Jehovah verbunden sind, von dem dann erst wieder im zweiten Namenssatz für Josef die Rede sein wird. Dazu muß man wissen, daß der hebr. Gottesname Jehovah, vom Verb sein abgeleitet, das Sein (Esse) und die Seinsqualität oder das Wesen (Essentia) Gottes (3910) bezeichnet; das Sein Gottes aber ist das Leben (840) und dessen Pulsschlag in Ewigkeit ist die sich erbarmende Liebe (2253), die sich gerade der Verachteten annimmt. Es war der Leastamm Juda, der nach dem babylonischen Exil die Geschichte des Gottesvolkes weiterführen (daher spricht man von "Juden") und den Erlöser aller Menschen hervorbringen sollte.

Simeon Namenssatz: "Denn Jehovah hat gehört, daß ich verhaßt bin, und gab mir auch diesen" (Gen 29,33), läßt uns den zweiten Sohn Leas als die Gestaltung des Hörens erkennen. Schon in der Alltagssprache hat hören die Bedeutung von gehorchen (von: horchen); so in der Wendung: "auf jemanden hören", oder im Sprichwort: "Wer nicht hören will, muß fühlen"; ebenso in "Gehorsam" und in "gehören" (= dem Willen angehören). Die Entsprechung liegt daher auf der Hand: Simeon bezeichnet den Glaubensgehorsam (fides voluntate: 3871), der der Glaubenseinsicht (Ruben) folgt.

Zu beachten ist, wie sehr die ersten beiden Namenssätze aufeinander bezogen sind; worin sich die Zusammengehörigkeit von Sehen und Hören ausdrückt. Beide beginnen mit "Denn gesehen/gehört hat Jehovah". Es folgt jeweils ein Hinweis auf Leas erbärmlichen Zustand ("mein Elend" / "daß ich verhaßt bin"). Der Schluß des Simeonsatzes weist durch die Partikel "auch" ("und gab mir auch diesen") auf den Rubensatz zurück. Der (intellektuelle) Glaube muß Zustimmung im Willen finden; sonst ist er kein Glaube. Erst dieses Geschwisterpaar macht uns vor Gott zu Priestern; Levi kann geboren werden:

"Diesmal nun wird mein Mann mir anhangen, denn ich habe ihm drei Söhne geboren." (Gen 29,34). Anhangen ist ein Ausdruck der Liebe, freilich nicht der kräftigste; daher bezeichnet Levi nur die Nächstenliebe (charitas). Die Zahl drei deutet dennoch eine gewisse Vollendung an, denn im tätigen Liebesdienst kommt der Mensch der äußeren Kirche an sein vorläufiges Ziel und wird fähig, die in seinem Leben wirksam gewordene Gotteskraft der Liebe zu preisen; das ist Juda: "Diesmal will ich Jehovah preisen / bekennen." (Gen 29,35).

Die ersten vier Leageburten stellen eine Steigerung dar: vom "Wissen des Wahren" (Ruben: 3882) über das "Wollen des Wahren" (Simeon: 3882) zur tätigen Liebe (Levi) und dem darin empfundenen Gefühl der Liebe zum Herrn (Juda). Dieses Aufsteigen ist für Jakob eine Erfüllung seines Traumes von der Himmelstreppe, auf der Engel Gottes auf- und niederstiegen (Gen 28,12). Auf diesen Zusammenhang weist Swedenborg indirekt in 3882 hin.

Man sollte meinen, daß mit Juda (der Liebe zum Herrn) die höchste Vollendung erreicht ist. Doch bisher sahen wir nur Leas Söhne; noch immer ist Rachel wie tot in uns (Gen 30,1).

Die Geburten der Mägde

Die Mägde sind die von Seiten des inneren (Rachel) und äußeren Menschen (Lea) eingesetzten Mittel, um der Wiedergeburt neue Impulse zu geben. Da die Beschaffenheit der Mittel aus dem ersichtlich wird, was sie bewirken, wende ich mich sogleich den Söhnen der Mägde zu.

Durch Bilha kommt Rachel zu Dan und Naftali. Der Namenssatz für Dan lautet: "Gott hat mir Recht gesprochen und auch meine Stimme erhört und mir einen Sohn gegeben." (Gen 30,6). Im äußeren Sinn bezieht sich dieser Ausspruch auf die Rivalität zwischen den ungleichen Schwestern (eifersüchtig sein in Gen 30,1); und da nichts so überzeugend ist wie der Erfolg, scheint die gebärfreudige Lea die bessere Frau zu sein. Doch durch Dan wird Rachel ins Recht gesetzt; das heißt im inneren Sinn, daß alle Heiligung im Glaubensleben (sanctum fidei) von Gott kommt; der Mensch kann sie sich nicht erwirtschaften. Zwar bedarf es der guten Werke (charitatis opera); aber sie sind nicht die Ursache der Heiligung, sondern nur das (allerdings notwendige) Milieu, in dem sich die erlösende Kraft des lebendigen Gottes auswirken kann. Dan ist die Anerkennung dieses Gottes jenseits der eigenen Intentionalität; diese Anerkennung schafft erstmals Lebensraum für Rachel. Er weitet sich durch Naftali; denn sein Namenssatz lautet: "Ringkämpfe Gottes habe ich gerungen mit meiner Schwester, habe mich auch als stark erwiesen." (Gen 30,8). Die innere Kirche kann sich gegenüber den Widerständen von Seiten des natürlichen Menschen nur durch Versuchungen durchsetzen, in denen sie sich als stark erweisen muß.

Von diesen Geschehnissen profitiert nun auch Lea und kann den Stillstand im Gebären (vgl. Gen 29,35b mit 30,9) überwinden. Durch Silpa kommt sie zu Gad und Ascher. Der Namenssatz für Gad lautet: "Es kommt ein Haufe (Venit turma)." (Gen 30,11). Das hier mit turma (ein Haufen, Schwarm) übersetzte hebr. Wort wird heute mit "Glück" wiedergegeben, so daß man üblicherweise "Glück auf!" oder ähnliches lesen kann. Welche Gründe könnten demgegenüber für Swedenborgs Verständnis sprechen? In Genesis 49 (Jakobs Sprüche über seine Söhne) ist Gad mit hebr. gedud (Heerschar) verbunden (Gen 49,19). Das hebr. Verb g-d-d bedeutet abschneiden und angreifen; von daher eröffnet sich sowohl ein Zusammenhang zur Heerschar als auch zum Glück als dem Beschiedenen (von abschneiden). Möglicherweise sieht Swedenborg auch einen Zusammenhang zwischen Gad und hebr. gadol (groß). Es könnten also sprachliche Verbindungslinien zwischen Schar und Glück bestehen. Außerdem scheinen innere Beziehungen zu existieren. Immerhin interpretiert Swedenborg Gad im höchsten Sinn als die Allmacht der göttlichen Liebe und die Allwissenheit der göttlichen Weisheit (3934). Liebe und Weisheit herrschen aber als Göttliche Vorsehung (GV 1), die wir Menschen als Glück (oder Unglück) erleben. Nach Swedenborg ist das Glück "die Vorsehung im Äußersten der Ordnung" (6493). In Jesaja 65,11 bezeichnet Gad offensichtlich die Glücksgottheit. Wenn Swedenborg in Gad die Werke sieht (3934), dann darf man nicht vergessen, daß (ebenfalls nach Swedenborg) bis in alle Einzelheiten der Werke hinein die Vorsehung (Glücksgottheit) wirksam ist (GV 251). Aus dem Gesagten folgt, daß Gad die Werke des geglückten Tages bezeichnet. Dieses Glück kann sich im Leben einfinden, wenn wir unsere Werke nicht mehr in der Selbstbegrenzung verrichten. Daher bezeichnet Gad auch das sinnvolle Tun (usus), vgl. AR 352; denn in der Öffnung für einen Lebenssinn, den wir uns nicht selber ausdenken können, öffnen wir uns der Lebensmacht des Guten und Wahren, so daß sich die Werke des geglückten Tages durch uns verwirklichen können.

Die Folge ist Glückseligkeit, die Geburt Aschers; sein Namenssatz lautet: "In meiner Glückseligkeit, denn glücklich preisen werden mich die Töchter." (Gen 30,13). Welche Töchter? Jakobs Frauen haben bisher nur Söhne zur Welt gebracht. Man kann antworten: Die Töchter des Landes; oder sich auf den inneren Sinn besinnen, wonach die Töchter Emotionen (seelische Bewegungen) darstellen (daher übrigens auch die altorientalische Institution der Klageweiber).

Vielleicht liegt hierin auch der tiefere Grund, warum bei den Geburten von Gad und Ascher die Empfängnisformel fehlt. Das unverhoffte Glück als Ereignis (Gad) und als Gefühl (Ascher) kann eben nicht wirklich empfangen und festgehalten werden, sondern sich nur durch uns verwirklichen (geboren werden). Das Glück vermittelt dem äußeren Menschen erstmals das Gefühl der Abhängigkeit von einer höheren Macht.

Leas Vollendung

Halten wir den bisherigen Stand der Entwicklung fest! Lea empfindet den Lustreiz des inneren Lebens (Überwindung der Selbstbegrenzung) und Rachel setzt sich in den Ringkämpfen (Versuchungen) mit ihrer Schwester allmählich durch. In dieser Situation stößt Ruben (das Glaubensbewußtsein) in den Tagen der Weizenernte (beim Einholen seiner Gedanken- oder Glaubensaussaat) auf Liebesäpfel (das Mittel zur Förderung der ehelichen Liebe). Die Verbindung mit Jakob (natürliche Erstreckung des göttlichen Einflusses) soll nun intensiviert werden. Rachel hat an den Liebesäpfeln ebenso großes Interesse wie Lea. Es kommt zum Ausgleich: Lea darf bei Jakob liegen; doch Rachel erhält die Kraft zur unio mystica[19]. Lea wird vollendet; Rachel aber wird auferstehen.

Nach der Liebesäpfelepisode wird Gott als der Erhörende bezeichnet (Gen 30,17a und 22), denn, wie oben gesagt, hören bezieht sich auf den Willen und dieser auf die Liebe. Lea empfängt Issaschar und ruft aus: "Gott hat meinen Lohn gegeben, weil ich meinem Manne meine Magd gegeben habe." (Gen 30,18). Issaschar ist der Lohn. Das Lohn- oder Verdienstdenken ist der äußeren Kirche offenbar nicht völlig auszutreiben. Man beachte im Namenssatz das zweimalige Vorkommen von "geben" (Prinzip: do ut des): Gott hat gegeben, weil (aufgrund der Tatsache, daß) ich gegeben habe. Lea hat ihre Magd gegeben und nimmt jetzt ihren Lohn entgegen. Wir sahen, daß die Silpageburten die Werke des geglückten Tages und das dementsprechende Glücksgefühl darstellen, weswegen der Lohn hier nicht das selbsterarbeitete Heil sein kann. Vielmehr meint Issaschar die Einheit von Wollen und Denken, die sich einstellt, wenn wir Gott walten lassen. Das ist der Lohn des Selbstverzichtes; Leas fünfter Sohn. Die Zahl fünf ist seit jeher eine mystische Zahl (das Seelenpentagramm); es ist die Seelenvollendung, die Lea erreicht. Das ist wenig[20] im Vergleich zur vollständigen Verwandlung Rachels (ihr Tod bei der Geburt Benjamins).

Durch die Geburt Sebulons kommt Lea zur Vollendung. Der Namenssatz lautet: "Beschenkt hat mich Gott, mich mit gutem Geschenk. Diesmal wird mein Mann mir beiwohnen, denn ich habe ihm sechs Söhne geboren." (Gen 30,20). Sebulon bezeichnet die Beiwohnung des Seelenbräutigams. Beiwohnen ist ein bildlicher Ausdruck für die eheliche Verbindung (3960: vgl. auch den deutschen Sprachgebrauch); zugleich ist angedeutet, daß Lea nun zur Wohnung des Herrn geworden ist. Denn das hebr. Wort sebul kann den Himmel als die Wohnung Gottes (Jes 63,15) und den Tempel (beth sebul: 1 Kön 8,13) bezeichnen. Zu beachten ist auch, daß nicht einfach vom einem Geschenk, sondern vom guten Geschenk gesprochen wird; es ist also das Geschenk der Verbindung mit dem Guten der Liebe. Swedenborg übersetzt das in der gesamten Heiligen Schrift nur hier vorkommende Wort säbäd (ebenfalls ein Anklang an Sebulon?) mit dos, das auch Mitgift, Brautschatz usw. bedeutet; also ein weiterer Hinweis auf die Heirat. Die Zahl Sechs (die Hälfte der Vollzahl Zwölf) bezeichnet die Vollendung der äußeren Kirche; also die halbe Vollendung der Gesamtkirche aus Rachel und Lea.

Dina ist die einzige Tocher. Daher bezeichnet sie die Kirche als Zusammenfassung der bisherigen zehn (Vollzahl) Geburten. Zugleich ist sie die siebente Geburt Leas; auch diese Zählung verleiht ihr die Qualität der gottesdienstlichen Heiligung (der siebente Tag ist der Tag des Herrn). Ihr Name bringt sie, wie schon ihren Bruder Dan, mit der Vorstellung von Recht und Gericht in Verbindung. Was hat das mit Kirche zu tun? Sehr viel, wenn man sich Begriffe wie Thora (das Mosegesetz), Sünde, Rechtfertigung (iustificatio), Jüngstes Gericht, Kirchenrecht usw. in Erinnerung ruft.

Rachels Auferstehung

Nun endlich öffnet Gott Rachels Mutterleib (Gen 30,22). Die Formel "den Mutterleib öffnen" steht in der gesamten Heiligen Schrift nur hier bei Rachels Erstgeburt und in Genesis 29,31 bei Leas Erstgeburt.[21] Das hebr. Wort für Mutterleib ist von einem Verb abgeleitet, das zärtlich lieben und erbarmen bedeutet. Mutterschoß bedeutet im Hebräischen die Eingeweide als Sitz des zarten Mitgefühls. Daher entspricht er "dem Guten der himmlischen Liebe" (AE 865). Swedenborg erläutert das mit den Worten: "Daß der Mutterleib das innerste Gute der Liebe bedeutet, beruht darauf, daß alle Zeugungsorgane sowohl beim männlichen, als auch beim weiblichen Geschlecht, die eheliche Liebe bedeuten, und der Mutterleib ihr Innerstes, weil hier die Leibesfrucht empfangen wird und fortwächst, bis sie geboren wird; er ist auch wirklich das Innerste der Zeugungsglieder; von daher stammt auch die mütterliche Liebe, die Zärtlichkeit genannt wird." (AE 710). Der Mutterleib bezeichnet also die Liebe, die uns empfänglich macht (schwanger werden läßt); daher ist er auch ein Bild für die Kirche (4918).

Aus diesem Schoß der sanften Geistesliebe erleuchtet uns Rachels Frucht. "Gott hat meine Schmach eingesammelt" (Gen 30,23), sagt sie; von der Unfruchtbarkeit des Todes (siehe Gen 30,1) hat er mich erlöst. "Weil die Mutter (in alten Zeiten) die Kirche bezeichnete und die Söhne und Töchter ihr Wahres und Gutes …, deshalb war es Schimpf und Schmach für die Frauen, unfruchtbar zu sein" (AE 721 mit Belegstellen). Josef bezeichnet das ewige Licht des Geistes: "das Göttlich Geistige, das vom Göttlich Menschlichen des Herrn ausgeht" (4669); das Göttlich Wahre, das wir in der christlichen Tradition den Heiligen Geist nennen (NJ 306). Dieses Licht des ewigen Morgens ist wahre Spiritualität ("Spirituale in sua essentia non aliud est": 4669), ist das erlösende, freimachende (Joh 8,32) Licht der Liebe. Dieser Josef kann nicht ohne Benjamin leuchten. Deswegen sprach Rachel ein zweites Mal: "Jehovah füge mir noch einen Sohn hinzu!" (Gen 30,24). Denn in Josef fühlen wir immer auch schon Benjamin; unser höchstes Glück, das uns den Tod bringen wird. Wir sehen in den beiden Namenssätzen den Wechsel von Elohim (Gotteslicht) auf Jehovah (Liebes- und Lebenswärme), den Übergang in die reine Liebessphäre.

Auf ihrem Weg mit Jakob wird Rachel noch viel erleben. Die Theraphim (Hausgötter) ihres Vaters wird sie stehlen und im Kamelsattel verstecken. Auf dem Weg nach Bethlehem (Haus des ewigen Lebensbrotes) bei der Geburt Benjamins wird sie alles Irdische ablegen und in die himmlische Freiheit des Geistes übergehen. Wer ist Benjamin? Im Sterben nannte sie ihn Benoni (Sohn meines Schmerzes oder meiner Trauer: 4591). Doch sein Vater nannte ihn Benjamin (Sohn der rechten Seite). In Psalm 110,1 heißt es: "Spruch des Herrn an meinen Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich hinlege deine Feinde als Schemel deiner Füsse." Das Neue Testament erkennt in diesem zur Rechten Sitzenden Jesus.

Fußnoten

[1] Divinum Naturale … quoad verum.

[2] Zahlen ohne Buchstabenkürzel beziehen sich auf die "Himmlischen Geheimnisse".

[3] Vernunft kommt von vernehmen. Sie ist die Fähigkeit das Wahre höherer Welten wie von ferne zu vernehmen.

[4] Der Name Jakob wird in Genesis 25,26 von "Ferse" und in Genesis 27,36 von "hintergehen / jmd. ein Bein stellen" (Swe.: supplantare von planta = Fußsohle) abgeleitet. In beiden Fällen spielt der Fußbereich eine Rolle, der auch sonst in den Jakobserzählungen immer wieder in den Blick genommen wird; diese schon im Namen angelegte Beziehung zum Fußbereich macht Jakob zum Sinnbild des Natürlichen (so Swedenborgs Terminologie) bzw. des Fortschrittes in Auseinandersetzung mit dem Irdischen (Erdverhaftung des Fußbereiches). Dabei ist der (unbewußte) Irrtum und der (bewußte) Betrug allgegenwärtig, denn die Außen- oder Sinnenwelt ist der Ursprung aller Falschheiten; hierzu ist vor allem Swedenborgs Interpretation der Schlange von Genesis 3 heranzuziehen. Auch die Schlange ist hautnah mit dem Erdbereich verbunden.

[5] Jakob und Hiob werden als hebr. "tam", Noah und Abram als hebr. "tamim" (nicht Plural von "tam"!) bezeichnet. Mit M.Kahir, Das verlorene Wort, 1960, könnte man die Konsonantenverbindung TM als "Vollendung der Form" (formale Vollendung) deuten.

[6] Das Motiv der untergeschobenen Braut ist in den Märchen weit verbreitet; siehe: W.Golther, Die untergeschobene Braut, in: Handwörterbuch des deutschen Märchens I (1930/33) 307 - 311.

[7] In einem Jenseitswerk Jakob Lorbers sagt Jakob: "Vierzehn Jahre diente ich um die himmlische Rachel, und siehe, Du [Herr] gabst mir die welthäßliche Lea." (RB I,79,21). Rachel bezeichnet hier also den Himmel und Lea die Welt.

[8] Ich bin freilich nicht der Meinung, daß die historische Forschung wertlos ist. Sie ist Grundlagenforschung, auf die die geistige Exegese aufbauen kann. Man sollte also nicht eine Einseitigkeit (die Fixierung auf den historischen Sinn) durch eine andere (die Fixierung auf den geistigen Sinn) ersetzen; das Ergebnis könnte wilde Allegorese sein. Die Berechtigung der historischen Forschung besteht darin, daß der wehrlose Text gegenüber seinem Ausleger stark gemacht wird.

[9] Nach 4985 bezieht sich die Gestalt auf das Wesen (essentia), also die innere Form, während sich das Aussehen auf das Dasein (existentia), also die Erscheinungsform, bezieht.

[10] Affectio ist aus ad und facere zusammengesetzt; es meint daher für mein Empfinden das Angetan- oder Angeregtsein des Geistes aus der Lebensliebe. Die folgende Deutung geht in diese Richtung.

[11] Siehe GLW 1: "Die Liebe ist das Leben des Menschen."

[12] In den meisten Übersetzungen wird das hebr. Wort hier leider nicht mit Geburt übersetzt. Meist findet der Leser "Entstehungsgeschichte" oder ähnliche Ausdrücke. Das Studium der altorientalischen Bildsymbolik zeigt jedoch, daß man sich das Verhältnis von Himmel und Erde als ein geschlechtliches vorstellte. Siehe Othmar Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament, 1996, 25. Auch in den folgenden Stellen kann der Bibelleser sehr verschiedene Ausdrücke vorfinden. In der Übersetzung von Hermann Menge beispielsweise findet man: Entstehungsgeschichte, Geschlechtstafel, Geschichte, Stammbaum, Abstammung und Nachkommen. Man sei sich also der Tücke von Übersetzungen bewußt! Eine gewisse Abhilfe bietet die gleichzeitige Lektüre mehrerer Übersetzungen.

[13] Swedenborg versteht diese erste Toledotformel als Überschrift (siehe 89). In den meisten Kommentaren wird sie jedoch als Unterschrift des sog. ersten Schöpfungsberichtes Genesis 1,1-2,4a verstanden. Problematisch ist diese Sicht jedoch allein schon deswegen, weil die Toledotformel sonst immer Überschrift ist. Da jedoch das göttlische Schaffen von Genesis 1,1 in diese ersten Toledotformel aufgenommen ist, scheint mir die Schöpfung des geistigen Menschen die Grundlage der Geburten des himmlischen Menschen zu sein.

[14] Die Namensgebung durch die Mutter erfolgt im AT 26 mal. Außer im vorliegenden Textabschnitt noch in Gen 4,25 durch Eva, in Gen 16,11 durch Hagar, in Gen 19,37f durch die beiden Töchter Noahs, in Gen 35,18 durch Rachel, in Gen 38,3.4.5 durch Schua, in Ex 2,10 durch die Tochter des Pharaos, in Ri 13,24 durch die Frau Manoachs, in 1.Sam 4,21 durch die Frau Pinchas, in Jes 7,14 durch die Jungfrau oder junge Frau, in 1.Chr 4,9 durch eine unbekannte Mutter und in 1.Chr 7,16 durch Maacha.

[15] Es wäre interessant, die zwölf Jakobssöhne mit den zwölf Jüngern zu vergleichen. Dazu existiert eine Arbeit von J. E. Elliott, die in den Neukirchenblättern von 1965 bis 1967 veröffentlicht worden ist.

[16] In Ruben ist auch das hebr. Wort für Sohn enthalten. Daher vermutet Claus Westermann, die ursprüngliche Bedeutung sei "sehet, ein Sohn!" (BK I/2 577). Swedenborg schreibt in Adversaria 691: "Ruben est filius visionis (Sohn des Sehens)".

[17] Der Glaube, der geglaubt wird.

[18] Der Glaube, durch den geglaubt wird.

[19] In 3942 bringt Swedenborg die Liebesäpfel mit der ehelichen Liebe in Verbindung. Dieser ungemein bedeutungsreiche Ausdruck impliziert auch die unio mystica. Swedenborg schreibt: "Die wahre eheliche Liebe ist die Einheit (unio) zweier Gemüter, die eine spirituelle Einheit (unio spiritualis) ist." (10168). In 1013 schreibt er, daß die unio mystica (dort verwendet er diesen Ausdruck) allein durch Liebe geschieht. Das Urbild der unio mystica ist die Einheit des Vaters und des Sohnes (unio mystica in 2004).

[20] Nach Swedenborg bezeichnet die Fünf als Hälfte der Vollzahl Zehn "etwas bzw. wenig" (649).

[21] Das gilt selbstverständlich nur für den hebräischen Grundtext. Dort findet sich tatsächlich nur hier rächäm (Mutterleib) mit patach (öffnen) verbunden. Es gibt freilich eine ähnliche Formulierung, nämlich rächem mit päthär (Durchbruch) = "Durchbruch des Mutterleibes", die Swedenborg in Ex 13,2.15; 34,19 mit "apertura uteri" (Eröffnung des Mutterleibes) übersetzt.