
Thomas Noack
Der Ort der in den Kapiteln 13 bis 17 überlieferten Geschehnisse ist das "gepflasterte Obergemach"[1], das in Mk 14,15 und Lk 22,12 erwähnt wird. Das Interesse an der Örtlichkeit kennzeichnet diejenigen, die bei einem wichtigen Ereignis nicht selber anwesend waren und denen daher nun der Ort wichtig wird, durch den sie sich mit der denkwürdigen Stunde in Verbindung setzen wollen. Das Interesse an der Örtlichkeit des Abendmahls ist daher ein Indiz für die relative Spätdatierung der synoptischen Überlieferung. Für den Augenzeugen hingegen waren die äußeren Umstände nebensächlich, weder der Ort, noch das Mahl[2], das er nur beiläufig und höchst unbestimmt erwähnt, fesselten seine Aufmerksamkeit, selbst die Abendmahlsworte überlieferte er uns nicht. Stattdessen wurde ihm von den Ereignissen der letzten Stunden mit Jesus eine Fußwaschung zum zentralen Symbol.
"Vor dem Passafest aber wusste Jesus, dass seine Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen, und da er die Seinen in der Welt liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung." (13,1). Das Passafest erinnert an den Auszug aus Ägypten, dem "Haus der Knechtschaft" (Ex 13,3). Für Jesus war dieses Fest nicht Erinnerung, sondern Vorbildung oder Dramaturgie seines eigenen Weges, seines Auszugs aus der Welt. Die entscheidende Stunde der Verherrlichung war nun gekommen; dreimal wurde sie angekündigt (2,4; 7,30; 8,20), und dreimal heißt es, dass sie nun da ist (12,23; 13,1; 17,1). Jesus verläßt bzw. überwindet den Kosmos, den Machtbereich des "Beherrschers dieser Welt" (12,31; 14,30; 16,11), und wird am Ostermorgen als Gott auferstehen. Eine Nachfolge in dieses alles verzehrende, alles verwandelnde Feuer der Gottheit ist ausgeschlossen. War also die Gemeinschaft mit Jesus, in dessen Nähe man Gott spürte, nur eine Episode? Jesus verläßt die Welt, die Seinen aber bleiben nach wie vor in ihr. Wird diese Trennung das Band der Liebe, eben erst verheißungsvoll geknüpft, schon wieder zerreißen? Die johanneische Antwort auf diese Frage ist die Fußwaschung. Jesus, in dem die rettende Liebe des Vaters Gestalt angenommen hatte, liebt die Seinen, wie es heißt, "bis ans Ende". Diese griechische Formulierung ist mehrdeutig. Das Ende, oben mit Vollendung übersetzt, kann zeitlicher, räumlicher oder gradueller Natur sein. Zeitlich verstanden liebte er die Seinen bis zu seinem Ende, bis zur Kreuzigung, oder bis zu ihrem Ende oder gar bis zum Ende der Welt. Wir erinnern uns an das Schlußwort des Matthäusevangeliums, wo uns der Auferstandene, nun Allgewaltige, versichert: "Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20, allerdings mit einem anderen Wort für "Ende"). Graduell verstanden liebte er die Seinen vollendet, ganz und gar, bzw. bis zu seiner Vollendung (Verherrlichung) oder ihrer Vollendung (Wiedergeburt). Und räumlich verstanden erstreckte sich seine Liebe bis in die körperlichen Endbereiche hinein, denn die Füße, um deren Reinigung es im folgenden gehen wird, meinen "das Natürliche des Menschen" (HG 10243), das ihn nach unten abschließt und erdet. Jesus wird also durch seine Verherrlichung den Einflussbereich seiner Liebe bis dorthin ausdehnen, um immer und überall, auch in der Hölle, erreichbar zu sein.
Die eigentliche Fußwaschungsszene beginnt mit Vers 2 und wird in Vers 12 als abgeschlossen vorausgesetzt ("Als er nun ihre Füsse gewaschen hatte"), umfasst also Joh 13,2-11. Dieser Abschnitt ist in sich mehrgliedrig. Zu beachten sind zunächst die Klammer (im folgenden kursiv) und ihre Inhalte (a) und (b) in den Versen 2f. "Und während eines Mahles, (a) als der Teufel dem Judas Iskariot, dem Sohn des Simon, schon ins Herz gelegt hatte, ihn zu verraten - (b) er wusste, dass ihm der Vater alles in die Hände gegeben hatte und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott weggeht -, steht er vom Mahl auf ..." (13,2-4). Die Klammerinhalte befassen sich mit der äußeren Verursachung der Erhöhung durch den Verrat (a) und der dadurch gleichwohl nicht außer Kraft gesetzten souveränen Gestaltungsmacht des Sohnes (b). Ist der Verrat als Verursachung oder als Veranlassung zu werten? Kann das Böse Gutes verursachen oder wird es nur nolens volens in den Dienst des Guten genommen? Jesus ist nicht, auch wenn es so scheinen mag, das Opfer eines Verrats geworden; vielmehr hat ihm der Vater "alles in die Hände gegeben", womit die Allmacht oder, wie wir oben gesagt haben, die souveräne Gestaltungsmacht ausgedrückt ist. Die Passion, das Erleiden, ist somit eigentlich eine Aktion. Der Logos, der von Gott ausgegangen ist, gestaltet seine Heimkehr, seine reichere Heimkehr, indem er auch die schmutzbelasteten Füße reinigt.
Die Fußwaschung in den Versen 4f deutet mit Signalwörtern auf die Kreuzigung und die Auferstehung. "Und während eines Mahles … steht er vom Mahl auf und zieht das Obergewand aus und nimmt ein Leinentuch und bindet es sich um; dann giesst er Wasser in das Becken und fängt an, den Jüngern die Füsse zu waschen und sie mit dem Tuch, das er sich umgebunden hat, abzutrocknen." (13,2.4-5). Das Ausziehen (13,4) und wieder Nehmen (13,12) des Obergewandes erweist sich nicht zuletzt durch den Bezug auf Joh 10,17f, wo dasselbe Wortpaar vorkommt, als Metapher für Tod und Auferstehung, denn in Joh 10,17f lesen wir: "Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben (Seele) ausziehe, um es wieder zu nehmen. Niemand nimmt es von mir, sondern ich ziehe es von mir aus aus. Ich habe Macht es auszuziehen, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen." (10,17f). Der entkleidete Christus (13,4) verweist, auch mit Blick auf Joh 19,23f, auf die Passion. Und das Aufstehen vom Mahl (13,4) deutet wohl die Auferstehung an, jedenfalls begegnet uns hier das Verb, das auch das Auferwecken bzw. Auferstehen eines Toten bedeutet. Dass die Füsse das Natürliche, Erdhafte, auch die uns tragenden Affekte, bezeichnen, wurde schon gesagt. Für die Einzelheiten, das Leinentuch, das Wasserbecken usw. verweise ich auf HG 10243.
In den Versen 6 bis 10, noch immer während der Fußwaschung, nimmt ein Dialog zwischen Petrus und Jesus auffallend breiten Raum ein. Petrus ist der Schüler der Glaubensfestigkeit; gegenüber Johannes, dem Jünger der Liebe, bleibt der petrinische Glaube allerdings im Verständnis des väterlichen Herzens zurück. Ja, er erweist sich sogar, natürlich in bester Absicht, als Gegner (Satan) des väterlichen Liebewillens. In der synoptischen Tradition ist diesbezüglich an die Reaktion des Petrus auf die erste Leidensankündigung zu denken (Mt 16,21-23) und in der johanneischen an den Widerstand des Petrus gegen die Fußwaschung. Der Glaube stützt sich und bezieht seine Sicherheit aus der Autorität des göttlichen Wortes. Dieser Glaube wird durch die Fußwaschung, einen Dienst, den Sklaven, aber nicht Herren zu verrichten haben, in seinem Verständnis der Gottesmacht der Wahrheit verunsichert. Denn diese Gottesmacht, beispielsweise in Gestalt der Zehn Gebote, soll nach petrinischer Glaubensauffassung das Denken und Wollen der Menschen beherrschen, und dieser soll gehorchen und sich auf diese Weise von seinen Sünden reinigen. Nun aber erweist sich gerade die Gotteswahrheit als diejenige, die nicht nur gebietet, sondern die anbefohlene Reinigung eigenhändig ausführt. Kann sie dann noch als anbefohlen angesehen werden? Verliert ein Gebot, das der Gebieter selbst ausführt, damit nicht die gebieterische Strenge? Der petrinische Glaube begreift das alles nicht; die Gottesmacht der richtenden Wahrheit wird durch die Gottesmacht der reinigenden Liebe überwunden. Das ist die Erlösung, der Kosmos wird aus der Macht der gebietenden Gottheit entlassen und dem Dienst der sich herablassenden Liebe übergeben. Damit werden, wie Joh 13,12-20 und das neue Gebot (Joh 13,34f) zeigen, neue Maßstäbe für das Verhalten innerhalb der Gemeinde gesetzt.
Dass die Fußwaschung als Liebesdienst zu verstehen ist, wurde gleich im ersten Vers durch das zweimalige Vorkommen von "lieben (agapao)[3]" angedeutet. Der Glaube wehrt diese Liebe, wie gesagt, ab, daher ist nun die Stunde des Lieblingsjüngers, der Joh 13,23 erstmals erwähnt wird, gekommen. Aufschlussreich ist die Verwendung und Verteilung von "lieben" im Johannesevangelium. In Joh 3,16.35; 10,17 ist Gott, der Vater, das Subjekt dieser Liebe; der Vater liebt den Sohn und indem er ihn liebt, liebt er die Welt. In Joh 11,5 ist erstmals Jesus das Subjekt der Liebe, und ergriffen werden von ihr Lazarus und seine Schwestern. In den die nachösterliche Gemeinschaft vorbereitenden Kapiteln 13 bis 17 ist eine sehr auffallende Häufung dieses Begriffes zu beobachten (Joh 13,1.23.34f; 14,15.21.23.31; 15,9f.12.13.17; 17,23f.26). Dies zeigt, dass die Liebe als das Leben vom Vater über den Sohn via Lazarus, welcher der Todesmacht entrissen wurde, nun in die Jüngerschar, die ein Vollbild der inneren Kirche ist, überströmt. Ferner begegnet dieser Begriff in Verbindung mit dem Lieblingsjünger (Joh 13,23; 19,26; 21,7) und im 21. Kapitel, welches das Verhältnis von Glaube (Petrus) und Liebe (Johannes) in der Zeit der Kirche reflektiert.
Der Abschnitt Joh 13,12-20 ist formal betrachtet ein Jesusmonolog. Die Eingangsfrage, "Versteht (erkennt) ihr, was ich an euch getan habe?" (13,12), zeigt, dass Jesu Tun nach einem tieferen Sinn hin befragbar ist. Dazu passt, dass im Epilog des Johannesevangeliums (Joh 20,30f) Jesu gesamtes Tun und Reden unter dem Schlüsselbegriff des Zeichens zusammengefasst wird. Mit Blick auf das ganze Evangelium kann das letztlich nur bedeuten, dass Jesu gesamtes Dasein den unsichtbaren, aber in Jesus anwesenden Vater vergegenwärtigt. Das Verstehen der Fußwaschung kommt gebündelt im Begriff des Beispiels (13,15) zum Ausdruck. Der Gesandte des Vaters (das Wort des Liebegeistes), dessen Wirksamkeit sich bis in die geistfernen, aber den geistigen Fortschritt allein ermöglichenden Fuß- oder Naturbereiche erstreckt, wird durch ebendiese Tat zum Paradigma aller echten Abgesandten (siehe Apostel in 13,16) dieses einen Urgesandten. Die Gemeinde Christi ist daran erkennbar, dass sich ihre Mitglieder gegenseitig die Füße waschen, dass sie sich bei der Reinigung der verkrusteten Außenpersönlichkeit helfen und so in gegenseitiger Liebe üben. Wer diese Botschaft aufnimmt, der nimmt dadurch den Christusgeist auf, und wer diesen aufnimmt, der nimmt damit eigentlich den Urgeist der Liebe oder des Vaters auf. Oder mit Jesu Worten gesagt: "Wer einen aufnimmt, den ich sende, nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat." (13,20).
Auch Judas tritt uns in dieser Fußerzählung beziehungsreich mit seinen Tretwerkzeugen entgegen. "Der mein Brot isst, erhob gegen mich seine Ferse." (13,18; Ps 41,10), dieses Schriftwort soll durch den Judasverrat erfüllt werden. Die Ferse erinnert uns an Gen 3,15 und an Jakob, den "Fersehalt" (Buber Gen 25,26), der zum Stammvater der Juden wurde, von denen Judas seinen Namen hat. Das Erheben der Ferse ist Ausdruck des alten Hochmuts, der Dominanz des Niederträchtigen, und somit die radikale Aufkündigung der Gemeinschaft der Liebe ("Der mein Brot isst"). Doch wie gesagt, der Tritt des Judas setzt die Erhöhung des Gottgesandten nicht in Gang. Die Erhöhung des mit göttlicher Macht festgetretenen Kosmos in Christus, dieses erhebende Werk ist allein das des seinsmächtigen Gottes, dessen starker Arm Jesus ist. Das Böse und Falsche bewirkt nichts, aber entgeht auch nicht dem allweisen Plane Gottes.
[1] W. Bauer gibt "gepflastertes Oberzimmer" als die wahrscheinlichere Übersetzung an, obwohl andere an "ein mit Teppichen od. Speisepolstern belegtes Zimmer" denken (Wörterbuch zum Neuen Testament, 1971, Sp. 1528).
[2] Viele Exegeten bezweifeln sogar, dass das angegebene Mahl ein Passamahl war, denn nach Johannes war ja Jesus das eigentliche Passalamm, das in dem Augenblick, da die Passalämmer im Tempel geschlachtet wurden, am Kreuz starb. Auf dieses Problem sei hier nur am Rande hingewiesen.
[3] Im Johannesevangelium begegnen uns zwei Worte für "lieben", nämlich "fileo" und "agapao". Da im Vorwort "agapao" vorkommt, beschränken wir uns auf diesen Begriff.
Veröffentlicht in: Offene Tore 2 (2000) 49-54