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Kain und Abel

Eine Auslegung von Genesis 4,1 bis 16 in der Tradition Swedenborgs

Thomas Noack

1. Das exegetische Programm

Bei meiner Lektüre der »himmlischen Geheimnisse« fiel mir vor Jahren die folgende Bemerkung Swedenborgs auf: »Es genügt, vom Allgemeinsten eine nur allgemeine Vorstellung zu geben.« (HG 771). Da ich damals noch der Meinung war, Swedenborg hätte den inneren Sinn erschöpfend ausgelegt, verhalf mir diese vergleichsweise nebensächliche Bemerkung zu der Einsicht, dass uns Swedenborg in den »Arcana caelestia« wohl einen Weg weist, aber nicht bis zum Ziel führt. An einem Wegweiser soll sich der Wanderer nicht festklammern, vielmehr soll er sich von ihm weg weisen lassen. Mit anderen Worten, der Schüler Swedenborgs ehrt seinen Meister nicht, wenn er dessen Auslegung immer nur wiederkäut. Vielmehr soll er im Geiste seines Lehrers weiterdenken. Daraus entwickelte sich im Laufe der Jahre das exegetische Programm einer Auslegung in der Tradition Swedenborgs.

Dieses Programm kann an dieser Stelle zwar nicht mit einem Schlag verwirklicht werden. Aber erste Schritte sind immerhin möglich. Bei meiner Lektüre des hebräischen Urtextes von Genesis 4,1 bis 16 und der Auslegung in HG 338 bis 398 machte ich zwei grundlegende Beobachtungen, die für die Entwicklung einer eigenständigen Auslegung im Geiste Swedenborgs von Bedeutung sind. Erstens: Swedenborg gilt als Offenbarer des inneren Sinnes. Doch nicht alles, was er zu Genesis 4,1 bis 16 zu sagen hat, dringt bis in die geistige Dimension vor. Viele Äußerungen können als Beiträge zu einer historischen Exegese angesehen werden, auch wenn diese Form der Exegese und ihre Methoden damals erst im Entstehen waren. Der innere Sinn ist nur dann ein innerer, wenn er sich innerhalb der Grenzen des äußeren Sinnes bewegt. Daher braucht die geistige Auslegung die natürliche oder historische wie ein Haus den Boden. Swedenborg ist dementsprechend auch als »historisch-kritischer« Exeget zu würdigen, und das seit dem 18. Jahrhundert gewonnene historische Wissen muss bei der Auslegung des geistigen Sinnes berücksichtigt werden. Swedenborg selbst spricht diese Einsicht mit den Worten aus: »Der buchstäbliche Sinn des Wortes ist die Grundlage (basis), die Hülle (continens) und die Stütze (firmamentum) seines geistigen und himmlischen Sinnes.« (LS 27-36). »Der buchstäbliche Sinn ist gleichsam der Leib, und der innere Sinn ist gleichsam die Seele dieses Leibes.« (NJ 260). Zweitens: Swedenborgs Auslegung von Genesis 4,1 bis 16 liest sich wie sein Kommentar zur altprotestantischen Orthodoxie, das heißt zur Problematik des Verhältnisses von Glaube (Kain) und Nächstenliebe (Abel). Swedenborgs Auslegung des inneren Sinnes bleibt also im Bezugssystem einer bestimmten Dogmatik bzw. dogmatischen Diskussion angesiedelt. Ich schließe daraus das Folgende: Wenn die im Grunde unausschöpflichen, göttlichen Tiefen des inneren Sinnes in eine äußere Sprache übertragen werden, dann ist damit unausweichlich eine Begrenzung verbunden. Das heißt, jeder Ausleger des inneren Sinnes muss sich für eine Terminologie entscheiden[1]; in diesem Wort ist das lateinische Wort für Grenze (terminus) enthalten. Das terminologische System ermöglicht es dem Exegeten des inneren Sinnes die unendliche Fülle desselben in eine fassliche Gestalt zu bringen. Das bedeutet nun aber, dass auch andere Terminologien möglich sind und entwickelt werden können. Ich werde dementsprechend im Folgenden vereinzelt die gewohnte Sprache verlassen und den inneren Sinn in neue Begriffe gießen. Da ich aber noch kein neues System entwickelt habe, kann das nur vereinzelt geschehen.

Die Suche nach den verborgenen Schätzen der himmlischen Weisheit beginnt mit einer Übersetzung von Genesis 4,1 bis 16. Sie ist eigentlich ein Ergebnis der exegetischen Arbeit und müsste daher am Ende stehen. Dennoch ist es gerechtfertigt, sie an den Anfang zu stellen. So kommt zum Ausdruck, dass der Text der Ausgangspunkt unserer Wahrnehmungen ist.

2. Übersetzung von Genesis 4,1 bis 16

1. Und der Mensch erkannte Eva seine Frau, und sie empfing und gebar Kain und sprach: »Ich habe einen Mann erworben, den Jahwe«. 2. Und sie fuhr fort, seinen Bruder Abel zu gebären. Und Abel wurde ein Hirt der Herde, Kain aber wurde ein Knecht des Bodens. 3. Und es geschah am Ende der Tage, da brachte Kain von der Frucht des Bodens Jahwe eine Gabe dar. 4. Und auch Abel brachte dar, - von den Erstgeburten seiner Herde und zwar von ihrem Fett. Und Jahwe schaute auf Abel und auf seine Gabe hin. 5. Aber auf Kain und seine Gabe schaute er nicht hin. Da entbrannte Kain sehr (im Zorn) und sein Angesicht senkte sich. 6. Und Jahwe sprach zu Kain: »Warum entbrennst du (im Zorn), und warum senkt sich dein Angesicht? 7. Ist es nicht so?: Wenn du Gutes tust, so geschieht Erhebung. Wenn du aber nicht Gutes tust, dann ist die Sünde ein lagernder (Schlangendämon) vor der Tür. Und nach dir ist sein Verlangen, du aber sollst|willst über ihn (= den Dämon oder Abel?) herrschen.«[2] 8. Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: »…«[3] Und es geschah, als sie auf dem Feld waren, da erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und erschlug ihn. 9. Und Jahwe sprach zu Kain: »Wo ist dein Bruder Abel?« Und er sprach: »Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?« 10. Und er sprach: »Was hast du getan? Horch! Das (vergossene) Blut deines Bruders schreit zu mir vom Boden. 11. Und nun, verflucht bist du vom Boden, der sein Maul aufgerissen hat, um das Blut deines Bruders von deiner Hand zu nehmen. 12. Wenn du (nun) den Boden beackerst, wird er dir seine Kraft nicht mehr geben. Unstet und flüchtig wirst du sein auf Erden.« 13. Und Kain sprach zu Jahwe: »Zu groß ist meine Verkehrtheit, als dass sie aufgehoben werden könnte. 14. Siehe, du vertreibst mich heute vom Angesicht des Bodens, und dein Angesicht wird mir verborgen sein. Unstet und flüchtig werde ich auf Erden sein, und es wird so kommen, dass jeder, der mich findet, mich erschlagen will.« 15. Aber Jahwe sprach zu ihm: »Ebendarum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfach Rache erleiden.« Und Jahwe versah Kain mit einem Zeichen, damit jeder, der ihn findet, ihn unerschlagen lasse. 16. Dann zog Kain vom Angesicht Jahwes fort und wohnte im Lande Nod, östlich von Eden.

3. Die Einheit und ihr Thema

Genesis 4,1 bis 16 wird hier als eine Einheit angesehen. Diese Sicht ist jedoch umstritten, denn die Verse 1, 2 und 16 wurden ganz oder teilweise abgesondert und zur Kainitengenealogie der Verse 17 und 18 gezogen.[4] Für eine Exegese in der Tradition Swedenborgs schließt sich daran (und überhaupt an die Genealogien in der Urgeschichte) eine grundsätzliche Frage an. Ist die Erzählung von Kain und Abel eine Einfügung in ein genealogisches Gerüst, das ursprünglicher als die (sekundäre) Erzählung ist? Oder sind die genealogischen Listen der heutigen Urgeschichte nur das Überbleibsel einer ursprünglich viel umfangreicheren Erzählung? Swedenborg ging bekanntlich von der Existenz eines Alten Wortes aus (siehe auch Jakob Lorbers »Haushaltung Gottes«), aus denen die Urgeschichten der Genesis entnommen wurden (WCR 279d). Wenn die swedenborgsche Exegese gewillt ist, diese Denkmöglichkeit aufzugreifen, dann dürfte die in der zweiten Frage enthaltene These die wahrscheinlichere sein.[5]

Nach der äußeren Abgrenzung der Einheit wende ich mich der inneren bzw. der Gliederung zu. Die Verse 1 und 2 bilden den Eingang (die Exposition). Die Verse 3 bis 5 beschreiben den Kult oder das Gottesverhältnis von Kain und Abel. Die Verse 6 und 7 enthalten eine zurechtweisende Jahwerede (die Stimme des Gewissens). Der Vers 8 schildert den Brudermord. Die Verse 9 bis 12 entfalten die schlimmen Folgen der Tat. Die Verse 13 bis 15 handeln demgegenüber von der Bewahrung des Brudermörders. Der Vers 16 bildet den Ausgang (den Schluss). Die Verse 6 bis 7 und 9 bis 15a sind Rede. Daher fallen die Handlungen in Vers 8 (der Brudermord) und 15b (die Bezeichnung Kains durch Jahwe) besonders auf. Das Zentrum der Erzählung ist der Brudermord (Vers 8). Das Ziel der Erzählung ist jedoch die Bewahrung und Unantastbarkeit des Brudermörders (Vers 15b).

Dem Thema von Genesis 4,1 bis 16 nähern wir uns an, indem wir die Stellung dieser Einheit im engeren Umfeld betrachten. Auch Swedenborg wendet die Kontextanalyse an, was Bemerkungen wie »aus dem Vorhergehenden und dem Nachfolgenden wird ersichtlich« (HG 270) oder »aus der Sachfolge (ex rerum serie) geht hervor« (HG 2816) belegen. Zuerst weise ich auf gedankliche Verbindungen der Erzählung von Kain und Abel mit Genesis 2 und 3 hin, und dann auf Verbindungen mit Genesis 5.

Adam und Eva machen die Erfahrung des Guten und Bösen, für die sie sich entschieden hatten (Genesis 2,9 und 3,6), in den Gestalten von Kain (das Böse) und Abel (das Gute). Die Erzählung von Kain und Abel stellt sonach die Entwicklung im Anschluss an die Entscheidung des Urelternpaares, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, anschaulich dar. Kam es bereits im Gottesgarten zum Bruch im (vertikalen) Verhältnis zu Jahwe, so kommt es nun, jenseits von Eden zum Bruch im (horizontalen) Verhältnis der Menschen untereinander. Erst zerbricht die Liebe zum himmlischen Vater, dann die geschwisterliche Liebe. Kain bringt den Tod in die menschliche Erfahrungswelt. Damit erfüllt sich die Warnung von Genesis 2,17: »Doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen, denn an dem Tag, an dem du davon ißt, wirst du (ab)sterben.« Adam stellt die ursprüngliche, gottgewollte und somit unverdorbene seelisch-geistige Beschaffenheit des homo sapiens (des weisen Menschen) dar. Als aber dieses Geisteslicht im Erdenkleid den Weg der Erfahrung durch die fünf Körpersinne betrat, da begann es abzusterben. Kain löscht Abel aus. Am Ende bleibt nur noch die Finsternis des nackten Weltbewusstseins übrig. Zu beachten ist ferner, dass die Verfluchung der Scholle voranschreitet. Dem Adam wurde gesagt: »… verflucht sei der Mutterboden deinetwegen. Mit Schmerzen sollst du von ihm essen[6] alle Tage deines Lebens, (denn) Dornen und Disteln läßt er dir wachsen und (doch) musst du das Grünzeug des Feldes essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen …« (Genesis 3,17-19). Doch immerhin, dem Adam brachte die »adamah« noch Frucht hervor. Dem Kain aber wurde gesagt: »… verflucht bist du vom Mutterboden, der sein Maul aufgerissen hat, um das Blut deines Bruders von deiner Hand zu nehmen. Wenn du (nun) den Mutterboden beackerst, wird er dir seine Kraft (seinen Ertrag) nicht mehr geben.« (Genesis 4,11-12). Die »adamah« wird unfruchtbar, weil der befruchtende Geist sie nicht mehr durchdringt, obwohl er (in der Gestalt des Blutes Abels) in ihr versickert.[7]

Die Erzählung von Kain und Abel mündet in dem Stammbaum Kains, das heißt in die ungesegnete Linie der »Kinder der Tiefe« (J. Lorber, HGt 1,57,43). Dem wird in Genesis 5 der Stammbaum Seths als ergänzender Gegensatz gegenüber gestellt. Von einer ergänzenden bzw. zusammengehörigen Gegenüberstellung spreche ich, weil die sieben Namen von Genesis 4 in Genesis 5 ähnlich- oder gleichlautend enthalten sind.[8] Der Stammbaum in Genesis 5 stellt die gesegnete Linie der »Kinder der Höhe« (J. Lorber, HGt 1,147,2) dar. Der in Kain und Abel aufgebrochene Gegensatz des Bösen und des Guten zieht also in der Konsequenz zwei Nachkommenschaften und dementsprechend zwei Welten nach sich. Seitdem gibt es unten und oben oder den äußeren, weltzugewandten und den inneren, gottzugewandten Menschen.

Das Motiv von Genesis 4,1 bis 16 ist der Brudermord. Es ist in der Literatur weit verbreitet.[9] Am bekanntesten ist die Sage von Romulus und Remus. Sie ähnelt auch darin der Erzählung von Kain und Abel, dass Romulus nach der Tötung seines Bruders zum Gründer einer Stadt (Rom) wurde. Auch Kain erbaute nach der Ermordung Abels eine Stadt (Hanoch). Nach Swedenborg stellen Städte Lehren dar (HG 402). Sieht man in Kain eine (mythische) Personifikation der objektbezogenen Verstandeskräfte und in Abel ein Personifikation der auf weniger Konkretes bezogenen Gefühlskräfte, dann sagt uns der Brudermord, dass die (äußeren) Verstandeskräfte nur dann Lehren, Philosophien, Ideologien, Weltanschauungen oder allgemein gesagt Systeme konstruieren oder erbauen können, wenn sie es schaffen, sich aus der Dominanz der Gefühle zu lösen, so dass diese in der Sphäre des neuen Herrn zu einem Nichts werden.

Swedenborg formuliert in HG 337 so etwas wie einen Titel zu Genesis 4,1 bis 16: »Die Entartung (de degeneratione) der ältesten Kirche bzw. die Verfälschung ihrer Lehre«. Der Urmensch schlug aus der ursprünglichen Art, als er sein (primitives) Gegründetsein in der Gefühlwahrnehmung (Abel) verließ, um die Objektwahrnehmung (Kain) zu kultivieren. So verließ er die himmlischen und geistigen Sphären und wurde mehr und mehr ein Bürger der Raumzeitwelt. Da aber nur die Gefühlskräfte das Bewusstsein aus dem Ursprung unversehrt erhalten können, kam es, als Abels Blut im Boden dieser Welt versickerte, zur allmählichen Auflösung des Wissens um die hohe Herkunft des homo sapiens. Das nennt Swedenborg die Verfälschung der Lehren oder Überlieferungen der Urkirche.

4. Die Auslegung der einzelnen Verse

Zu Genesis 4,1: In den deutschen Übersetzungen[10] der heiligen Schrift ist »ha-adam« entweder mit »Adam« (als Eigenname) oder mit »der Mensch« (gemeint ist der erstgeschaffene Mensch) wiedergegeben. Von der Möglichkeit, »ha-adam« mit »der Mann« zu übersetzen, macht keine der herangezogenen deutschen Bibeln Gebrauch, obwohl der Mann und seine Frau zum erwarteten Verständnis eines ersten Menschenpaares besser passt als der Mensch und seine Frau. Swedenborg hat »homo« (der Mensch) im Unterschied zu Sebastian Schmidt, dessen lateinische Bibelübersetzung er immer vor sich hatte und wo er »Adam« las.

Der Mensch und seine Frau versinnbildlichen »die älteste Kirche« (HG 338). Dazu zwei Bemerkungen. Erstens: »Ha-adam« kann kollektiv (die Urmenschheit) oder individuell (der Urmensch) verstanden werden. Swedenborg hat sich in seiner Auslegung der Urgeschichte für das kollektive Verständnis der »Personennamen« entschieden (siehe seine Bemerkung zu Noah in HG 1025). Zweitens: Das kollektive Verständnis Adams (»ha-adam« gleich die älteste Kirche) hat aber noch etwas von Raum und Zeit an sich und steht somit in einer gewissen Spannung zu dem, was Swedenborg sonst zum inneren Sinn sagt: »Vor den Engeln, die im inneren Sinn sind, verschwindet alles, was zur Materie, zu Raum und Zeit gehört.« (HG 488, vgl. auch 813, 3254). Das bedeutet, Swedenborgs Verständnis von »ha-adam« als Sinnbild für die Urkirche ist erst der Anfang der Enthüllung des inneren Sinnes. Oder, um es noch einmal mit den Eingangsworten zu sagen: Swedenborg ist nur ein Wegweiser, der uns zwar den Weg weist, aber in seinen Schriften das himmlische Ziel noch nicht vollständigt offenbart. So lädt er uns ein, eigene Fortschritte in der Erforschung der geistigen Sinnwelten zu machen. Dabei sollte uns allerdings bewusst sein, dass wir die Grenze des Sagbaren nicht schnell und auch nicht beliebig weit voranschieben können. Je weiter wir nach innen vorstoßen, desto subtiler werden die Schwingungen des inneren und innersten Sinnes. Bis in welche Höhe kann unser Herz diese Schwingungen noch wahrnehmen? Und ab wann versagt uns die Sprache ihren Dienst am Heiligtum? Wir werden also nur behutsam vorgehen können.

Auf dem Weg nach innen streifen wir das Zeitliche ab und begeben uns mehr und mehr in die Beobachtung der Zustände. Swedenborg schreibt: »Wenn man die Vorstellung von Zeit entfernt, dann bleibt diejenige des Zustandes der Dinge, die zu jener Zeit waren.« (HG 488). In diesem Sinne meint die älteste Kirche nicht nur eine religionsgeschichtliche Epoche, sondern auch den Zustand der Kindheit. Swedenborg charakterisiert die älteste Kirche oft als eine himmlische (HG 281), wobei himmlisch in seiner Terminologie auf die Liebe zum himmlischen Vater hindeutet (HG 1001). »Ha-adam« hat etwas mit dem naiven (das heißt kindlichen) Urzustand des menschlichen Wesens zu tun. Soeben aus der göttlichen Macht in die Freiheit des eigenen Lebens entlassen, ist es noch ganz im Urvertrauen geborgen und schaut doch schon mit großen Augen in die verlockende Weite der Welt hinaus. Sie wird ihn magisch anziehen und nötigen, sein Wesen auf allen Ebenen zu gebären, nicht selten unter großen Schmerzen. »Ha-adam« kann uns sonach die Geschichte des Individualgeistes auf dem Weg der Personwerdung erzählen. Die Geburten sind die stufenweisen Verwirklichungen der aus der Macht des Allmächtigen freigestellten Potenz. Während »ha-adam« und seine »chawwah« (Eva) noch aus der Hand Gottes vervorgingen, sie sind also nicht Geborene, sondern Geschaffene, Kreationen des göttlichen Geistes, beginnt nun mit Kain und Abel die Kette der Geburten. Was hat es zu bedeuten, dass gleich mit dem Auftakt des eigenen Gebärens ein Gegensatz, eine Dualität erzeugt wird?

Der Mensch »erkannte« seine Frau. Wie sinnentstellend »freie« Bibelübersetzungen sein können, zeigt am Beispiel dieser Stelle die »Gute Nachricht Bibel«; dort heißt es: »Adam schlief mit seiner Frau« (Gen 4,1). »Schlafen« (nicht wach sein) ist beinahe das Gegenteil von »erkennen« (hellwach sein).[11] Die nicht-wörtlichen Bibelübersetzungen geloben zwar »die selbstverständliche Treue zum Original« (Gnb 345), aber mit der Preisgabe der sprachlichen Form können diese Übersetzer immer nur den Sinn in die Zielsprache übertragen, den sie selbst im Kopf haben. Die Übersetzer der Gnb denken an den Beischlaf, aber indem sie mit dieser Vorstellung im Kopf das hebräische »jada‘« mit »schlafen« verständlicher wiedergeben wollen, erschweren sie dem Bibelleser den Weg in das innere Heiligtum des Wortes. Denn nun kann er beispielsweise nicht mehr so leicht den Zusammenhang zwischen dem Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen und der Geburt vom Kain (das Böse) und Abel (das Gute) in Folge der Erkenntnis, die der Mensch nun in seine Frau einbildet (oder einführt), entdecken. Das Aneignen (Essen) der einen Erkenntnis wirkt sich auch auf die andere, erzeugende Erkenntnis aus.

Franz Delitzsch (1813 - 1890) macht darauf aufmerksam, dass »erkennen« im Sinne von Genesis 4,1 nie »von den Thieren« vorkommt, »denn was beim Thiere naturnothwendiger Instinct ist, das ist beim Menschen freies, sittlich verantwortliches Thun«.[12] Das Erkennen seines weiblichen Gegenübers ist als geistiger Akt der spezifisch menschliche Akt des Erzeugens, denn der Mensch ist der Fackelträger des Geistes, der geistige Samen durch seine Natur ausgebären soll. Wir müssen uns von der Meinung des Sensualismus oder Empirismus ganz und gar befreien, wonach der Erkennende nur aufnimmt, nämlich Eindrücke durch die Sinne. Wir können Genesis 4,1 nur verstehen, wenn wir sehen, dass das Erkennen ein Akt des Gebens ist. Das geht aus dem Dreiklang der Verben »erkennen«, »empfangen«, »gebären« deutlich hervor. Da die Folge des Erkennens das Empfangen ist, muss das Erkennen selbst ein Geben sein. Von »ha-adam« geht demnach ein geistiger Impuls aus, der von seiner Frau empfangen und verwirklicht wird. »Ha-adam« (der geistbegabte Erdling) ist ein zwiespältiges Wesen. Gott und Welt, Geist und Materie stoßen in ihm zusammen. »Ha-adam« erkennt das, und diese Erkenntnis durchläuft wie eine Schockwelle seine Natur und erzeugt den ersten unversöhnlichen, fundamentalen Konflikt, dargestellt durch Kain und Abel.

Swedenborg übersetzt »ischschah« mit »mulier« (Weib) oder »uxor« (das ehelich mit dem Mann verbundene Weib).[13] Geistig bedeutet »ischschah« »das Eigene« (proprium) und »die Kirche« (ecclesia). Man kann sich fragen, welcher Zusammenhang zwischen diesen beiden Begriffen besteht, zumal Swedenborg sagt: »Das Eigene ist nichts als nur etwas Böses und Falsches.« (HG 215). Doch die Antwort ist einfach. Das Eigene oder das Ichwesen des Menschen ist an und für sich so etwas wie ein Spiegelbild Gottes, und in einem solchen Bild ist eben alles spiegelverkehrt. Also ist das Bild Gottes als solches etwas durch und durch Verkehrtes. Alles weitere hängt nun davon ab, ob sich der Mensch in das Spiegelbild so sehr verliebt, dass er meint, es sei das Urwesen, oder ob er den Schein durchschauen und erkennen kann, dass sein Ichwesen nur ein Reflex des Urwesens im Bewusstsein des äußeren Menschen ist. Im ersten Fall wird das Ich zum Idol, zum Megastar der Diesseitsparty mit leider tödlichem Ausgang. Im zweiten Fall bleibt das Ichwesen mit dem Urwesen verbunden und wird zur Kirche, das heißt zum Raum der Ruhe des siebten Tages. »Ha-adam« erkannte in »chawwah« Kain (die Selbstverblendung) und Abel (den Atem Gottes), beide erkannte er in dem, was ihm eigen war. Und so nahmen sie durch »chawwah« Gestalt an und wurden Geborene aus dem Samen der Erkenntnis des Adam.

»Die Mutter aller Lebendigen« (Gen 3,20) bringt als erste Geburt den Todbringer Kain zur Welt, sie sprach: »Qaniti - Erworben (oder erschaffen) habe ich einen Mann, den Jahwe.« »Qajin« (Kain), den Namen ihres Sohnes, bringt die Urmutter mit »qanah« in Verbindung. Das Verb bedeutet sowohl »erwerben« als auch »erschaffen« (Seebass 148). Swedenborg entscheidet sich für »acquirere« (erwerben) und deutet den Freudenruf der »Mutter aller (geistig) Lebendigen«, also der Urkirche, dahingehend, dass einige anfingen, den Glauben (Kain) für »etwas Selbständiges (res per se)« zu halten (HG 340). Sie überließen sich dem Eindruck, dass man durch das Glaubenswissen etwas zum Glaubensleben hinzuerwerben könne. »Qajin«, der oder das Erworbene, stellt die Sphäre des Habens dar oder die Verblendung des in die Eigenmächtigkeit entlassenen Menschen, der zuerst sich selbst und dann auch alles Seiende besitzen will.

In Genesis 14,19.22 bezeichnet das Partizip »qoneh« den Schöpfergott. Wenn man von daher »qaniti« in Genesis 4,1 mit »ich habe erschaffen« übersetzt, dann bedeutet das, dass sich die Urmutter, die zum allerersten Mal ein lebendiges Wesen geformt und geboren hat, als Göttin versteht. »Ihr werdet sein wie Gott« (Gen 3,5), »chawwah« (Eva) ist zur Göttin geworden, denn sie hat Leben erschaffen. Allerdings ist sie auch einem Wahn verfallen. Das Werkzeug hält sich nämlich für die Ursache. Das Organ erliegt der Täuschung, dass die schöpferische Macht nicht nur in ihm wirksam, sondern ihm auch eigen sei. Dazu Swedenborg: »Der Mensch empfindet es nicht anders, als dass er aus seinem eigenen Leben heraus lebt, denn das Werkzeugliche empfindet das Ursprüngliche als ihm eigen. Es vermag hier nicht zu unterscheiden, denn die ursprüngliche Ursache (causa principalis) und die werkzeugliche Ursache (causa instrumentalis) wirken nach einem in der gelehrten Welt bekannten Lehrsatz als eine Ursache zusammen.« (WCR 473). Dementsprechend wird sich Kain als Herr gebärden.

Swedenborg (siehe Esl) versteht »et-jahwe« als Akkusativ, so dass wir im Anschluss an Swedenborg übersetzt haben: »Ich habe einen Mann erworben, den Jahwe.« Ein Blick in die deutschen Bibeln zeigt jedoch, dass wir damit von der üblichen Praxis abweichen. In der Elberfelder Bibel heißt es: »Ich habe einen Mann hervorgebracht mit dem Herrn.« In der Lutherbibel heißt es: »Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn.« In der Zürcher Bibel heißt es: »Ich habe einen Sohn bekommen mit des Herrn Hilfe.« Und in der (katholischen) Einheitsübersetzung heißt es: »Ich habe einen Mann vom Herrn erworben.« Das heißt, die gegenwärtig maßgeblichen Interpreten sehen in »et« die Präposition »mit« (bzw. »mit Hilfe von«). Die Einheitsübersetzung glättet dieses Verständnis sprachlich ein wenig und so wird dann aus »mit« »von«. Was spricht demgegenüber für unsere Übersetzung in der Tradition Swedenborgs? Erstens der sprachliche Befund: Horst Seebass sagt klar, dass »die philologisch einfachste Auffassung die eines doppelten Akkusativs« ist (148). Und Franz Delitzsch bemerkt: »… häufig findet sich nach einem ersten Acc. ein zweiter näher bestimmender mit ›et‹ 6,10; 26,34; Jes 7,17, während ›et-jahve‹ als abverbialer Satztheil in der Bed. ›mit jahve‹ sonst nicht vorkommt …« (162). Der sprachliche Befund weist demnach ziemlich deutlich auf Swedenborgs Übersetzung. Daher sollte man sich für sie entscheiden, wenn man in ihr auch einen Sinn entdecken kann, womit wir nun zweitens beim inhaltlichen Befund sind. Delitzsch weist auf einen interessanten Zusammenhang hin. Beim Verständnis von »et-jahwe« als Akkusativ würde Eva »das männliche Kind … für den Messias … oder den menschgewordenen Jahve halten« (162). Sie knüpft an ihn »die Hoffnung auf Erfüllung der Verheißung vom Weibessamen [siehe Genesis 3,15].« (163)[14]. Nach Swedenborg ist Kain ein Sinnbild für »die Lehre des von der Liebe getrennten Glaubens« (HG 325). Die Identifikation dieses Glaubens mit dem von einer Frau geborenen Jahwe, das heißt mit dem Messias, bedeutet so gesehen, dass der bloße Glaube als Erlöser verkündet wird. Swedenborg sieht allerdings noch einen anderen Zusammenhang. Der Gottesname Jahwe wird in der hebräischen Bibel vom Verb »sein« her erhellt (Exodus 3,14). Demnach schälten sich bereits in der Urkirche die Glaubenslehren als etwas selbständig Seiendes heraus (»res per se«, HG 340).

Zu Genesis 4,2: Die Kirchenväter sahen in Abel eine Vorbildung oder Präfiguration Christi.[15] Diese Deutung ist auch noch beim Swedenborg der von J. F. I. Tafel sogenannten »Adversaria«[16] vorhanden, wo es heißt: »Die beiden erstgeborenen Söhne Adams bilden die beiden Fürsten oder Führer vor, Kain offensichtlich den Fürsten der Welt mit seinem Haufen, Abel hingegen den Fürsten des Himmels bzw. den Messias ohne Nachkommenschaft.« (WE 90).[17] In den »himmlischen Geheimnissen« hat Swedenborg jedoch die personale Hülle abgestreift und präsentiert uns ein abstraktes Verständnis (vgl. »in sensu abstracto« in HG 2232). Das geistige Verständnis ist beim Swedenborg der »himmlischen Geheimnisse« zugleich ein abstraktes, das sagt er ausdrücklich: »Im inneren Sinn wird alles von den Personen entfernt (in sensu interno abstrahuntur omnia a personis)« (HG 5434; vgl. auch EO 78). Und so wird aus Abel, der Präfiguration des Messias, die »tätige Liebe« (HG 341), denn die Person Christi ist geradezu die Verkörperung oder der Inbegriff dieser Liebe (vgl. Joh 13,34).

Abel war »ein Hirt der (Kleinvieh)herde« (Gen 4,2). Um zu einem hohen Verständnis dieser Tätigkeitsbeschreibung aufsteigen zu können, darf man nicht bei Vorstellungen wie »Hirtenromantik« oder »Schäferidylle« stehen bleiben. Denn der Hirte bezeichnete in der altorientalischen Vorstellungswelt den (göttlichen) König und Gott selbst: In »altorientalischen Königstitulaturen« ist »das Wort ›Hirte‹ eine der gebräuchlichsten Bezeichnungen«. »Die Insignien der ägyptischen Könige, die sog. Geißel und das Zepter, waren ursprünglich die Abzeichen des Hirten, nämlich Fliegenwedel und Hirtenstab. Auch der griechische Mythos weiß um die Wesensverwandtschaft zwischen Hirt und König, wenn er den Königssohn Paris auf den Hängen des Ida seine Herde weiden läßt. Da nach alter Vorstellung der König der irdische Repräsentant Gottes ist, so wird auch dieser im Bild des Hirten geschaut. In der mesopotamischen wie in der griechischen Kunst findet sich das Bild des Hirten, der ein Lamm oder Kalb auf der Schulter trägt; so wurde auch der griechische Gott Hermes als Kriophoros [Schafträger] dargestellt.«[18] Auch in der Heiligen Schrift bezeichnet »weiden« das fürsorgliche Wirken des Regenten und wird von Jahwe, der das Volk hütet (Ps 23; Jes 40,11) und von Königen und Herrschern ausgesagt (Ez 37,24). Und selbstverständlich denken wir auch an den Messias, den Christus; er ist der von Gott gesalbte König der Menschenherde. Er ist das Vollbild des guten Hirten (Joh 10), die eschatologische Verwirklichung der alten Hoffnung auf einen solchen Hirten. Nachdem dieser Menschheitshirte nun erschienen ist, können alle anderen Hirtengestalten der Vergangenheit nur noch als Präfigurationen des einen guten Hirten angesehen werden. Und so ist auch Abel ein Schattenbild des Christus und zum Herrscher bestimmt, zum »Hirten der Herde«.

Die hohe, geistige Bedeutung Abels steht nun im Gegensatz zur Bedeutung seines Namens. Denn »hebel« - so müsste sein Name eigentlich in der Umschrift lauten - bedeutet »Hauch«, »ein Nichts«, »Täuschung«, »Wahn«.[19] Wir können uns einen Zugang zum Verständnis dieses merkwürdigen Mißverhältnisses bahnen, wenn wir uns daran erinnern, dass auch heute ein großer Streit darüber herrscht, ob das Seelische eine Ausdünstung des Gehirns oder doch eine andere, immaterielle Entität sei. Ist die Seele also »ein Nichts«? Ist die Rede von einer Seele eine »Täuschung«, ein »Wahn«? Dass die zweite Geburt Evas den Namen »hebel« bekommt, bedeutet, dass die Seele im Bewusstsein der gefallenen Menschheit an Substanz verliert. Denn die Wirklichkeit der Schlange, die physikalischen Wellen und Schwingungen drängen sich in den Vordergrund, so dass die Seele und ihre Wirklichkeit mehr und mehr zu einem Nichts wird. Und tatsächlich stehen in der Erzählung von Kain und Abel ausschließlich Kain und seine Sichtweise im Mittelpunkt. Abel kommt nicht zu Wort, nur Kain spricht in Genesis 4,1 bis 16. Außerdem ist die Verwendung von »Bruder« in Genesis 4,1 bis 16 aufschlussreich, denn damit ist immer nur Abel gemeint, nie Kain. Das heißt, dass die Bezugsperson, die im Mittelpunkt steht und das Umfeld determiniert, Kain ist. Für Kain ist Abel, das heißt die Herrschaft des Geistes über die Materie, ein leeres Geschwätz, und zwar einfach deswegen, weil es den Geist als ein selbständiges Wesen in seinen Augen gar nicht gibt.[20]

Kain war »ein Bearbeiter des Bodens« (»obed adamah«, Gen 4,2). Swedenborg übersetzte die hebräische Wendung »obed adamah« mit »colens humum«. Das Verb »colere« und das dazugehörige Substantiv »cultus« (Kult) gehören in den gottesdienstlichen Zusammenhang (siehe beispielsweise »colere Dominum« in HG 7724). Auch das hebräische Verb »abad«, das im »obed adamah« enthalten ist, bedeutet einesteils »arbeiten« und »dienen«; andernteils aber, auf Gott bezogen, ist es die Bezeichnung für das Gottesverhältnis und für den Kult oder den Dienst an einem Heiligtum. Daher kann mit »obed adamah« zwar einesteils »ein Ackerbauer« gemeint sein (siehe »agricola« in der Vulgata), andernteils kann im »obed adamah« aber auch die Bedeutung »Anbeter des Irdischen« mitschwingen. Die »adamah« wird so gesehen zu einem Kultobjekt, das heißt zum Gegenstand einer Verehrung, die eigentlich nur Gott zukommen soll. Kain ist dann nicht nur ein Bebauer, sondern ein Diener der »adamah«. Und indem er sich immer mehr der Machtsphäre des Erdreiches (»adamah«) ausliefert, wird er am Ende ganz und gar zu einem Knecht und Sklaven des irdischen Reiches.[21] Wer also bei seinen Meditationen der heiligen Schrift auf den »sensus spiritualis« (das geistige Empfinden) achtet, der wird im »obed adamah« nicht nur den Dienst am Boden, sondern auch die Verknechtung durch den Boden oder das Irdische wahrnehmen. Daher schrieb Swedenborg: »Von denen, die auf das Leibliche und Irdische sehen, sagte man (einst), dass sie den Boden beackern« (HG 345). In der Nachkommenschaft Kains wird der kulturelle oder äußerliche Fortschritt der Menschheit zur Sprache kommen (siehe Genesis 4,20 bis 22).

Der innere Sinn ist nuancenreich. Im »obed adamah« können wir auch den Bibelausleger erkennen, der ausschließlich die buchstäbliche Grundlage der heiligen Schrift bearbeitet und dem der Geisthauch des Wortes (Abel) als leeres Geschwätz erscheint, als das Gerede der Schwärmer. Solche Leute sind Grundlagenverehrer oder sogar Fundamentalisten. Sie erschlagen mit ihren Worten die Seele des Wortes (Abel). Daher sieht Swedenborg in Kain den bloßen Glauben, der sich von der geschwisterlichen Liebe verabschiedet hat (die Orthodoxie). Kain ist die sterile Glaubenswissenschaft, die nur noch die historischen Zusammenhänge beackert und die Seele des Wortes auf dem Feld ihrer theologischen Wissenschaft erwürgt. Aber auch Kain darf am Leben bleiben, und für Abel wird ein Ersatz (Set) gefunden, aus dem schließlich das lebendige Wort (Jesus Christus) hervorgehen wird.

Während die Tätigkeit Abels in der Urgeschichte bisher keine Rolle spielte, hat die Tätigkeit Kains dort bereits eine Geschichte. Am Anfang des sogenannten zweiten Schöpfungsberichts heißt es: »und (noch) gab es keinen Menschen, um den Boden zu bebauen« (Gen 2,5). Die Bestimmung des Menschen besteht darin, dem Boden bzw. der Grundlage seines Daseins einen Dienst zu erweisen, nämlich den Dienst der Verbindung des äußeren Menschen mit dem inneren und innersten. Diesem Sinn seines Daseins darf der »adam« zunächst im Garten Eden nachkommen, das heißt im Wonneland seiner kindlichen Liebe zu seinem himmlischen Vater. Denn weiter heißt es: »Und Jahwe Elohim nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, um ihn zu bebauen und ihn zu behüten.« (Gen 2,15). Doch der Mensch konnte sich in diesem Zustand der vollkommenen Geborgenheit in Jahwe Elohim (in der göttlichen Liebe und Weisheit) nicht halten, deswegen muss er seinen Auftrag nun jenseits von Eden verwirklichen (im sog. Diesseits). »Und Jahwe Elohim ließ ihn aus dem Garten Eden gehen, um die Scholle zu beackern, von der er genommen war.« (Gen 3,23). Kain ist dieser Ackermann jenseits von Eden, der den Staub kultivieren und dem Höchsten von daher etwas darbringen will.

Zu Genesis 4,3: »Und es geschah am Ende der Tage (miqqez jamim)«, so habe ich den Grundtext in Übereinstimmung mit der neukirchlichen Tradition übersetzt. Nicht unbeabsichtigt weckt diese Verdeutschung die Vorstellung einer Endzeit, »es geschah in der Endzeit (am Ende der Tage)«. Die hebräische Wendung »miqqez jamim« wird von Swedenborg jedoch ganz wörtlich mit »a fine dierum« übersetzt. Die möglichst wörtliche deutsche Übersetzung lautet »vom Ende von Tagen«. Diese für unsere Ohren etwas fremde Formulierung meint einfach nur »nach dem Verlauf einer geraumen Zeit«[22]. Auch nach Swedenborg meint die hebräische Wendung »ein Fortschreiten in der Zeit« (»progressus temporis«, HG 347). Swedenborg enthüllt hier also nicht den inneren Sinn, sondern beschreibt einfach nur den natürlichen Wortsinn. Solche Beobachtungen machen wir bei der aufmerksamen Lektüre der »himmlischen Geheimnisse« oft. Der Enthüller des inneren Sinnes ist oft nur ein guter Kenner der hebräischen Sprache.

Das Wesen Kains braucht eine gewisse Zeit, um sich auch nach außen hin so darstellen zu können, wie es innerlich beschaffen ist. Zeiten bezeichnen Zustände, die durchlebt werden müssen, um das Wesen vollständig zu verwirklichen oder um alles, was nur potentiell ist endlich aktuell in Erscheinung treten zu lassen. Die Endzeit ist so gesehen die Zeit der Vollendung, das heißt der vollendeten Darstellung des verborgenen Wesens auf der Ebene der äußeren Handlungen. Die Endzeit ist die Zeit der Apokalypsis bzw. der Enthüllung (des bis dato verborgenen Wesens). Den Gedanken eines »Fortschreitens in der Zeit«, das zur sukzessiven Enthüllung des bösartigen Antriebs führt, äußert Swedenborg auch im eschatologischen Kapitel der »Wahren Christlichen Religion«: »Es hat auf der Erde mehrere Kirchen gegeben, und sie alle sind im Verlauf der Zeit (successu temporis) zu ihrem Ende gelangt (consummatae sunt).« (WCR 753). So braucht es also eine gewisse Zeit bis das bloße Fürwahrhalten oder die religiöse Rechthaberei ihr wahres Gesicht vor aller Welt enthüllt. Der Buchstabenglaube oder der Fundamentalismus ist der Vater des Fanatismus und der Glaubenskriege. Gleiches gilt für die säkularen Verwandten, die Ideologien. Sie würgen skrupellos die zarte Stimme des Gewissens im Dienste der hemmungslosen Selbstverwirklichung ihrer eigenen Interessen ab.

Früchte stehen in der Bildersprache der heiligen Schrift für die Hervorbringungen oder Produkte des menschlichen Geistes. Früchte stehen für seine Werke. Psalm 1 ist die Seligpreisung des Mannes, dessen Freude die Tora (Weisung) Jahwes ist. Dieser Mann »ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen (Einflüsse aus der Gnadenquelle des göttlichen Lichtes), der seine Frucht bringt (seine Werke hervorbringt) zu seiner Zeit (in den dafür vorgesehenen Zuständen seines äußeren Lebens)« (Ps 1,3). Nach Jesus zeigt sich im (äußeren) Wirken das (innere) Wesen: »So bringt jeder gute Baum gute Früchte, der faule Baum aber bringt schlechte Früchte … Darum sollt ihr sie an ihren Früchten erkennen.« (Mt 7,17.20). Die Verbindung von »Frucht« und »Boden« in Genesis 4,3 lenkt unsere Betrachtungen auf die Tatsache, dass Werke immer nur auf der Grundlage von Bedingungen, Umständen und Situationen verwirklicht werden können. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Werken und empirischen Gegebenheiten. Im Falle Kains wird das irdische Geschäft von der Hochmacht des Geistes allerdings nicht durchdrungen, denn Kain stellt die Eigenmächtigkeit des Menschen dar. Die Früchte seines Bodens sind ausschließlich Produkte seiner eigenen Klugheit, leblose Konstrukte, leeres Stroh. Nach Swedenborg sind es »Werke des Glaubens ohne Liebe« (HG 348). Solche Werke heißen zwar auch Früchte, im Gegensatz zu den Früchten von oben fehlt ihnen aber der Saft aus der Wärme und dem Licht der Sonne.[23] Daher schrieb Swedenborg: »Früchte des Glaubens ist (eigentlich) eine leere und sinnlose Redensart.« (KD 49). Zwar ist mit Abel die Bedeutung von Hauch und Nichtigkeit verbunden, doch im Grunde sind die »Werke des Glaubens ohne Liebe« null und nichtig.

Swedenborg übersetzt »minchah« hier in Genesis 4,3 mit »munus« (»Gabe«, siehe Swedenborgs Übersetzung zwischen HG 323 und 324).[24] Oft übersetzt er das hebräische Wort aber auch nicht, so dass wir im lateinischen Text entweder »mincha« oder »minchah« finden.[25] Einen Grund für diese uneinheitliche Praxis konnte ich nicht entdecken. »Mincha« bedeutet nach Swedenborg »Gabe« (»munus«, HG 4262), gemeint ist die vegetabilische Opfergabe, das Speiseopfer. Daher findet der Leser der deutschen Übersetzung der »himmlischen Geheimnisse« hinter »mincha« manchmal in Klammern »Speisopfer«[26].

Die Opfergabe (»munus«) ist ein Bestandteil der Kultfeier (»cultus«). Daher bezeichnet sie Pars pro toto den Kult oder das Gottesverhältnis Kains (HG 349). Auch diese Deutung Swedenborgs ist keine Enthüllung des inneren Sinnes, sondern einfach nur ein Schluss vom Teil auf das Ganze.

Die Erzählung von Kain und Abel und ihren Opfergaben spielt in der Zeit der Ältesten Kirche. Doch von dieser Kirche sagt Swedenborg: Sie »wusste nichts von Opfern (de sacrificiis)« (HG 2180).[27] Dieser Widerspruch lässt sich meines Erachtens wie folgt auflösen. Die Erzählung vom Brudermord aus der Zeit der Ältesten Kirche ist mit Vorstellungen gestaltet, die aus einer späteren Zeit stammen.

Zu Genesis 4,4: Abel brachte »von den Erstgeburten[28] seiner Herde« dar. Manfred Lurker weist auf die weite Verbreitung des Erstlingsopfers hin: »Der Brauch eines Primitialopfers ist von vielen Naturvölkern her bekannt. Jägerstämme opfern das erste erlegte Wild oder einen Teil von ihm zu Beginn der Jagdsaison … In Ägypten wurde die erste, vom König selbst geschnittene Ähre dem Fruchtbarkeitsgott Min geweiht … Die vorislamischen Araber haben während des Frühlingsfestes Erstlinge der Herden geopfert. Das griechische aparchae (Erstling, Erstlingsopfer) läßt erkennen, dass auch im ägäischen Raum der Brauch bekannt war, durch die Darbringung eines Teiles das Ganze zu weihen. Der Philosoph Aristoteles vertrat in seiner ›Nikomachischen Ethik‹ die Auffassung, dass das Primitialopfer die älteste Form des Opfers überhaupt sei.«[29] Von Swedenborg erfahren wir: »Nach den Ordnungen der alten Kirche sollten die Erstgeborenen Gott geheiligt werden.« (HG 8080). Heute glauben viele Menschen an die glückbringende Eigenschaft des Geldes. Daher nimmt der archaische Glaube an die Besonderheit des Erstgeborenen eine dieser Vorstellungswelt entsprechende Gestalt an. Das Symbol dieses Kultes ist der Bankier Dagobert Duck, der seinen sagenhaften Reichtum auf seinen ersten selbstverdienten Taler gründet und ihm magische Kräfte zuspricht (das Motiv des Glückstalers). Im Glauben der alten Kirche stellte die Erstgeburt den Herrn und die Mächte seiner unmittelbaren Umgebung dar (HG 352). Indem Abel die Erstgeburten seines Reichtums dem Herrn darbringt, weiht er das Ganze dem Herrn, denn das Erste ist der Inbegriff des Ganzen. Abel gehört als Ganzer dem Herrn, weil er seine Habe im Prinzip (= in Gestalt des Ersten) dem Herrn übergeben hat. So wird Abel zur ersten Vorbildung Christi, der sich als Ganzer der Urmacht seines Vaters darbrachte, indem er seinen menschlichen Eigenwillen ganz und gar Gott übergab. So wurde Christus »der Erstgeborene von den Toten« (Offb 1,5), wobei die Toten diejenigen sind, die im Machtbereich des Eigenwillens gefangen und erstarrt sind.

Kain ist zwar der Erstgeborene von Adam und Eva (HG 338) und auch derjenige, der zuerst seine Gabe darbringt, aber Abel ist der Darbringer des Erstgeborenen. Daher entbrennt ein Rangstreit, denn beide sind irgendwie Erste. Swedenborg sah darin die Rivalität von Glaube (Dogmatik) und Liebe (Ethik) in der Kirche: »Der Glaube … ist zwar das Erste der Zeit nach, die Liebe aber … ist es dem Endzweck nach. Sie ist also das Vorzüglichere und damit in Wirklichkeit das Erste und Erstgeborene. Was nur zeitlich vorhergeht, ist bloß dem Schein nach das Erste, nicht aber in Wirklichkeit.« (WCR 336). Ebenso ist die irdische Geburt zwar zeitlich die erste, aber die zweite Geburt oder die Wiedergeburt ist in Wahrheit die erste, denn sie ist die beabsichtigte. Ebenso war das Volk Israel zwar zeitlich das erste Volk Gottes, aber zugleich war es eine Vorbildung des neuen Gottesvolkes, das sich um den Messias sammelte. Die Blüte ist das Erste im zeitlichen Entwicklungsgang, aber die Frucht ist das Ziel und somit das Erste in der Absicht. Die Blüte sollte anerkennen, dass sie um der Frucht willen da ist, wenn sie das nicht tut, dann wird die schöne Blüte zum Brudermörder.

»Von den Erstgeburten seiner Herde« brachte Abel »die fetten Stücke« dar. Unser Blick wird vom Allgemeinen (die Erstgeburten) auf das Besondere (die fetten Stücke der Erstgeburten) gelenkt. Diesen Sinn scheint hier die hebräische Kopula »we« zu haben, die wir deswegen mit »und zwar« übersetzt haben.[30] Eine Auswirkung auf die Übersetzung hat auch die eigentümliche Punktation (= Vokalisation) von »cheleb« (»Fett«) im masoretischen Text. Sie setzt »cheleb« in den Plural. Daher »stritt bereits der Talmud darüber, ob es sich um Fettstücke … oder um fette Tiere … handelte.« (Seebass 151). Swedenborg übersieht den Plural oder trennt sich bewusst von den Punktatoren und interpretiert die Konsonantenfolge »chlb« als Singular, so dass wir bei ihm lesen: »et de pinguedine eorum« (= und vom Fett der Erstgeborenen). Wir halten den Plural jedoch für die bessere Lesart, zugleich aber folgen wir Swedenborg darin, dass hier das fettreiche Gewebe gemeint ist, nicht die fetten Tiere. Diese Vorüberlegungen führen dann zu der folgenden Übersetzung: »Auch Abel, (ja) auch er, brachte (Jahwe eine Gabe) dar, (eine Gabe) von den Erstgeburten seiner Herde und zwar von ihrem Fett.« Um den Plural von »cheleb« in der deutschen Übersetzung auftauchen zu lassen, könnte man statt »von ihrem Fett« »von ihren fetten Stücken« wählen.

Soweit zur Übersetzung. Sie ist wichtig, aber nur ein erster Schritt. Das Ziel sind die Gipfelerlebnisse der Innensinnerfassung. Sie werden dem, der geduldig das Gebirge der göttlichen Wortoffenbarung besteigt, am Ende gegeben. Die große Synthese des geistigen Verständnisses läßt sich mit Worten der äußeren Sprache nicht mehr mitteilen. So können die Eingeweihten die »Arcana Caelestia« nicht verraten. Aber bis zu einem gewissen Grade können wir uns verbal austauschen und gegenseitig ein Stück weit mitnehmen. In diesem Sinne weise ich darauf hin, dass uns nicht selten bereits ein Blick in ein umfangreicheres hebräisches Lexikon wichtige Winke gibt, die wir dankbar aufgreifen können. Vom Hebraisten Wilhelm Gesenius (1786 - 1842) erfahren wir in seinem Wörterbuch das Folgende: »Cheleb« bedeutet »eigentlich das fettreiche, die Eingeweide bedeckende Netz«, dann »Fett« und schließlich »bildlich das Beste, Vorzüglichste«[31]. Insbesondere die in »cheleb« enthaltene Bedeutung »das Beste« läßt uns aufhorchen. Demnach gibt Abel das Beste von den Erstgeburten seiner Herde. Wenn wir bedenken, dass schon die Erstgeburten etwas Besonderes sind, dann sehen wir auch, dass Abel das Beste vom Besten gibt, gewissermaßen »die Creme de la Creme«. Doch damit sind die Zugänge zu einem tieferen Verständnis, die uns allein schon ein gutes Wörterbuch eröffnet, noch nicht erschöpft. Mit Gesenius kommen wir zumindest im vorliegenden Fall fast so weit wie mit Swedenborg. Denn wir erfahren, dass »nach den Arabern«[32] »cheleb« der »Sitz der Gefühle« ist. Deshalb heißt es in Psalm 17,10: »Sie verschließen ihr cheleb«, das heißt sie »sind fühllos« (siehe Gesenius 231). Hier hat »cheleb« beinahe die Bedeutung von Herz (das Herz als »Sitz der Gefühle«), und dementsprechend finden wir in der Zürcher Bibel die Übersetzung: »Ihr Herz haben sie verschlossen«. Einmal auf diese Fährte gebracht, entdecken wir dann auch, dass »ch-lb« die Konsonanten des hebräischen Wortes für »Herz« enthält, nämlich »lb«.[33] Diese Gedanken bringen uns ganz in die Nähe von Swedenborg, denn nach ihm bezeichnet Fett »das Himmlische«, wobei »das Himmlische« in seiner Terminologie alles bezeichnet, »was zur Liebe gehört« (»caeleste est omne quod est amoris«, HG 353). Abel ist also derjenige, der das darbringt, was im Menschen dem Herrn gehört (das sind die Erstgeburten), nämlich die Kraft des Herzens oder die Macht der Liebe (das ist das Fettreiche). Abel ist sonach derjenige, der sich mit ganzer Liebe dem Herrn hingibt.

Daher wundern wir uns nun nicht mehr, wenn es im Folgenden heißt: »Und Jahwe schaute auf Abel und auf seine Gabe hin. Aber auf Kain und seine Gabe schaute er nicht hin.« (Gen 4,4.5). Den Exegeten des äußeren oder historischen Sinnes muss die Annahme des einen und die Ablehnung des anderen Opfers als reine Willkür Jahwes erscheinen. Denn ein Grund ist auf der Ebene des Buchstabens nicht erkennbar. Horst Seebass schreibt: »Wenn man bedenkt, dass noch keine Opferanordnung ergangen war, kann man zwar Unterschiede zwischen den Opfern Kains und Hebels, aber keine hinreichende Begründung für die Ablehnung des Opfers finden« (151). Der Buchstabe ist der Schatten des Wortes, und als solcher zeigt er uns die Wahrheit nur in einem dunklen, allgemeinen Umriss. »Der innere Sinn« hingegen ist »das Licht des Himmels« (HG 3438, 4783), und als solcher führt eben nur er uns in die geistige Organik des Wortes ein und lässt uns Zusammenhänge erkennen, die bei der ausschließlich buchstäblichen Untersuchung des Wortes im Dunkeln bleiben. Der Erforscher der geistigen Organik des Wortes kann sich die Annahme der einen und die Ablehnung der anderen Gabe aus vielen Hinweisen, die wir besprochen haben, verständlich machen. Dazu gehören die Bedeutungen der Namen »Kain« und »Abel«, der Akkusativ Jahwe (Gen 4,1), die Tätigkeiten Abels als »Hirt der Herde« und Kains als »Knecht des Bodens« (Gen 4,2) und die »Erstgeburten« oder genauer ihr »Fett« (Gen 4,4).

Zu Genesis 4,5: »Und es entbrannte dem Kain (der Zorn) sehr«. Swedenborgs lateinische Übersetzung der Genesis ist eine sehr wörtliche. Er übersetzt jedes hebräische Wort eins zu eins, das heißt für ein hebräisches Wort steht in der lateinischen Übersetzung auch nur ein lateinisches Wort. Das jedenfalls ist die Regel oder die allgemeine Tendenz. Hier aber übersetzt Swedenborg die Verbform »wajjichar« mit »et accensa est ira« (und der Zorn ist entzündet worden), das heißt mit einer Verbform und zusätzlich einem Nomen. Diese Ausnahme von der Regel ist gut begründet, denn das hebräische Verb »charah«, das ursprünglich wohl »brennen« bedeutete, wird im Alten Testament nur vom Zorn ausgesagt (siehe Gesenius 258). Der Zusatz »ira« (Zorn) hebt also nur das hervor, was im Verb schon enthalten ist. Die auf diese Übersetzung folgende Auslegung des inneren Sinnes ist vor diesem Hintergrund nur eine Ausschöpfung des den Worten bereits innewohnenden Sinnes. Wo der Zorn entbrennt, da weicht die Liebe zurück (siehe HG 357). Dass die Lieblosigkeit das Regiment übernimmt, wird auch der Fortgang der Erzählung zeigen, nämlich der Brudermord (siehe HG 357). Die Auslegung des inneren Sinnes ergibt sich wieder einmal ganz zwanglos aus der genauen Erfassung des Textes.

Infolge des Zornes senkte sich Kains Angesicht. Swedenborg sagt: »Das Angesicht bezeichnete bei den Alten das Innere, weil durch das Angesicht das Innere hervorleuchtet.« (HG 358). Das Hebräische belegt diese Interpretation. »Panim« ist das hebräische Wort für »Angesicht«. Nominale Weiterbildungen der Wurzel sind »penimah« mit der Bedeutung »inwendig« und »penimi« mit der Bedeutung »innerer«. Das Angesicht meint demnach »das Innere«, allerdings nur insoweit es sich äußert bzw. dem Äußeren zuwendet. Denn das Verb »panah« bedeutet »sich zuwenden«.[34] Manche Sprachforscher leiten »panim« (Angesicht) überdies von »Peh«, das »Mund« bedeutet, her (That II,436). Sollte diese (unsichere) Herleitung stimmen, dann würde sie ihrerseits zeigen, dass das Angesicht ein Ort der Äußerung des Inneren ist. Auf dem Angesicht kommt das Innere zum Vorschein, weswegen es schon den alten Weisen als »Spiegel der Seele« galt (vgl. Sirach 13,25).

Kains Angesicht »fiel« oder »senkte sich«. Die Übersetzung von Seebass »und sein Angesicht verfiel« (143) wirkt wie eine Verlegenheitslösung. Einerseits soll der Sinn des hebräischen Verbs »napal« (fallen) möglichst direkt wiedergegeben werden, andererseits erfasst Seebass den Sinn offenbar nicht, sondern verschleiert ihn eher. Dabei ist die Aussage leicht nachvollziehbar. Denn der sich senkende Blick unterbricht die zwischenmenschliche Verbindung (den Blickkontakt). Wenn wir nun noch den Kontext bedenken, wonach vom fallenden Gesicht im Anschluss an den entbrennenden Zorn die Rede ist, dann sind wir bei Swedenborgs Deutung. Der gesenkte Blick stellt die Lieblosigkeit oder die zwischenmenschliche Kälte sehr anschaulich dar. (HG 358). Wenn wir die Grundbedeutung von »napal«, nämlich »fallen«, noch offenkundiger in unsere Überlegungen einbeziehen wollen, dann können wir sagen: Kain wird gewissermaßen von der Schwerkraft seines eigenen Wesens angezogen. Er fällt in den Abgrund seiner unwiedergeborenen Natur. Er verfällt dem todbringenden Hass.

Zu Genesis 4,6: Jahwes Sprechen bezieht Swedenborg auf »das Gewissen« (HG 359), das nach seinem Verständnis »eine innere Stimme« (dictamen internum, NJ 139) ist. Damit stimmt er mit der christlichen Tradition und Kant überein, die das Gewissen als Stimme Gottes im Menschen gedeutet haben. Swedenborg spricht hier im Zusammenhang der ältesten Kirche von »Gewissen«. Darin kann man eine sprachliche Inkonsequenz erblicken, denn andernorts sagt er, dass die älteste Kirche kein »Gewissen«, sondern ein »Innewerden« oder eine »innere Wahrnehmung« (perceptio) hatte (HG 597, 393). Doch abgesehen von dieser terminologischen Inkonsequenz steht fest, dass sich Jahwe in Kain noch immer bemerkbar machen kann, und zwar um eine »Selbstbesinnung über seinen Zustand«[35] herbeizuführen. Das zweimalige »Warum« in Vers 6 greift das in Vers 5 geschilderte Geschehen auf. Kain wird damit die Möglichkeit gegeben, die Vorgänge, die sich in und an ihm ereignen, zu betrachten und zu bewerten. Kain steht in der Gefahr, von den in ihm wirkenden Affekten ergriffen und fortgerissen zu werden. Jahwes Einsprache eröffnet ihm demgegenüber die Chance, doch noch den Affekten zu entkommen, die ihn zu ihrem Spielball machen wollen. Jahwe als der Seiende will, dass auch Kain ein freies Subjekt wird.

Zu Genesis 4,7: Diesem Vers geht der Ruf voraus, der dunkelste der Genesis zu sein (Seebass 152). Beschränken wir uns zunächst auf die erste Vershälfte. Ein Blick in einige deutsche Bibeln zeigt, dass unterschiedliche Übersetzungen möglich sind. Die Elberfelder Bibel hat den folgenden Text: »Ist es nicht (so), wenn du recht tust, erhebt es sich? Wenn du aber nicht recht tust, lagert die Sünde vor der Tür.« Das Pronomen »es« steht für »Gesicht«. Aber erhebt sich das Gesicht Jahwes[36] oder Kains? Ganz anders versteht Hermann Menge den Urtext, denn in seiner Übersetzung lesen wir: »Wird nicht, wenn du recht handelst, dein Opfer angenommen? lagert (oder: lauert) nicht, wenn du böse handelst, die Sünde vor der Tür«. Von der Erhebung eines Gesichtes ist hier gar nicht die Rede. Stattdessen soll es um die Annahme des Opfers von Kain gehen. Wiederum eine ganz andere Variante fand Swedenborg in der lateinischen Bibel von Sebastian Schmidt. Dort las er: »Nonne si bene feceris (munus tuum pro peccato,) erit remissio : si vero non bene feceris, ad ostium peccatum est cubans quis?« Die deutsche Übersetzung dieser Lesart lautet: »Ist es nicht so, wenn du sie (= deine Gabe für die Sünde) gut darbringst, dann wird Vergebung erfolgen? Wenn du sie aber nicht gut darbringst, ist dann nicht die Sünde eine Lagernde vor der Tür?« Nach Schmidt geht es also um »Vergebung«. Der Grund für diese Vielfalt ist die Mehrdeutigkeit des hebräischen Wortes »se’et«, das Erhebung, Annahme oder Vergebung bedeuten kann. Eine weitere Schwierigkeit in der ersten Vershälfte besteht darin, dass das weibliche Substantiv »Sünde« mit dem männlichen Partizip »robez« (der Lagernde) verbunden ist. Daher kann man nicht übersetzen: »die Sünde lagert«. Zwei Hinweise können zur Lösung des Problems beitragen. Erstens ist im Akkadischen »rabisum« als Wort für einen Dämon belegt.[37] Zweitens ist »nachasch«, die »Schlange« von Genesis 3, ein männliches Substantiv. Daher könnte Genesis 4,7 Genesis 3 aufnehmen, so dass sich die folgende Übersetzung ergäbe: »Wenn du aber nicht Gutes tust, dann ist die Sünde ein lauernder Schlangendämon vor der Tür.« Betrachten wir nun die zweite Vershälfte. Der hebräische Text ist zweideutig. Denn die männlichen Suffixe (= die Personalendungen) sind sowohl auf den Lagernden (»robez«) als auch auf Abel beziehbar. Daher ist im ersten Fall zu lesen: »… und nach dir (Kain) ist sein Verlangen (das Verlangen des lagernden Dämons), du (Kain) aber sollst ihn (den Dämon) beherrschen.« Im zweiten Fall hingegen ist zu lesen: »… und nach dir (Kain) ist sein (Abels) Verlangen, du (Kain) aber willst Herr über ihn (Abel) sein.«

Ein so wenig eindeutiger Vers lenkt unsere Aufmerksamkeit ganz besonders auf die Entscheidungen, die Swedenborg als Übersetzer und Ausleger der Genesis getroffen hat. Swedenborg wurde bereits als Student in Uppsala in die hebräische Sprache eingeführt. Und bevor er »die himmlischen Geheimnisse« schrieb, nahm er das Studium dieser Sprache wieder auf und vertiefte seine Kenntnisse. Swedenborg besaß mehrere hebräische Bibeln und lateinische Übersetzungen derselben, außerdem hebräische Wörterbücher, wenigstens eine hebräische Grammatik und sonstige Literatur zum Alten Testament. Mit diesen Hilfsmitteln erarbeitete er sich, soweit es der Forschungsstand seiner Zeit erlaubte, eine klare Vorstellung vom Buchstabensinn, den wir heute den historischen Sinn nennen.[38] Hinzu kommt bei jedem Übersetzer das Gespür für das Gemeinte. Dieses Gespür wird besonders dann entscheidend, wenn der Urtext mehrdeutig ist. Dieser hier nur angedeutete kenntnisreiche Hintergrund, über den Swedenborg verfügte, führte im vorliegenden Fall zu der folgenden Übersetzung: »Annon si benefacis, elevatio? et si non benefacis, ad januam peccatum cubans; et ad te desiderium ejus, et tu dominaris ei.« (Tafels Übersetzung dieser Übersetzung Swedenborgs: »Nicht wahr? wenn du Gutes thust, so ist Erhebung; und wenn du nicht Gutes thust, so liegt die Sünde vor der Thür, und zu dir ist sein Verlangen, und du herrschest über dasselbe.«[39]). Aus dieser Übersetzung und der Auslegung von Vers 7 in HG 361 bis 365 können wir nun Swedenborgs Verständnis des berüchtigten dunkelsten Verses der gesamten Genesis entnehmen.

Demnach meint »se’et« hier »Erhebung« (elevatio). Swedenborg übernahm nicht die Übersetzung »Vergebung« (remissio), die er bei Sebastian Schmidt vorfand. Die »Erhebung« ist auf das Gesicht Kains zu beziehen. Das geht hinreichend deutlich aus HG 363 hervor. Der biblische Autor will dem Senken oder dem Fall des Gesichtes (= des Inneren) die Erhebung desselben gegenüberstellen. Bevor der Erzähler zum Brudermord kommt, schaltet er einen Augenblick der Besinnung ein. Dadurch nimmt er dem Geschehen das Unausweichliche. Kain war seiner Natur (= der Beschaffenheit seiner Geburt) nicht zwingend ausgeliefert. Er hatte noch immer das »liberum arbitrium«, das heißt die »freie Wahl« zwischen der Sünde vor seiner Tür und der Stimme Gottes. Obwohl sich sein Inneres schon bedrohlich gesenkt oder verfinstert hatte, stand ihm noch immer die Möglichkeit offen, sein Gesicht wieder zu erheben.

Die Sünde ist nicht nur ein persönliches Fehlverhalten, das jederzeit korrigierbar ist, sondern eine überindividuelle Macht, die um so größer und unbeherrschbarer wird, je mehr wir ihr nachgeben. Wir sahen bereits: Die hier vorliegende hebräische Konstruktion soll uns wahrscheinlich die Sünde als einen Dämon oder als die Schlange von Genesis 3 ansichtig werden lassen. Ob auch Swedenborg diese Verständnismöglichkeit gesehen hat, ist aufgrund seiner Übersetzung nicht entscheidbar, weil das Lateinische das männliche und das weibliche Partizip nicht unterscheidet. Einen schwachen Hinweis darauf, dass Swedenborgs Feinsinn hier die Komponente »Dämon« wahrgenommen haben könnte, liefert uns seine Aussage in HG 364, dass »Sünde« in der Sprache der Bibel »für den Teufel« stehen kann.

Bleibt noch die Frage, auf wen die Suffixe in der zweiten Vershälfte zu beziehen sind. Aus Swedenborgs Auslegung geht hervor, dass er die zweite der oben genannten Lesarten für die richtige hielt (siehe HG 361, 370, 372). In der Tradition Swedenborgs müssen wir also unter Zuhilfenahme von verdeutlichenden einschüben in Klammern übersetzen: »… und nach dir (Kain) ist sein (Abels) Verlangen, du (Kain) aber willst über ihn (Abel) herrschen.« Man muss »die himmlischen Geheimnisse« allerdings schon sehr genau lesen, um erkennen zu können, dass das das Verständnis Swedenborgs vom Urtext war. Daher ist es verzeihlich, dass selbst der Übersetzer und der Revisor der Neukirchenbibel den Vers 7 gemessen an Swedenborgs Entscheidungen nicht vollkommen richtig ins Deutsche übertragen haben. Bei Leonhard Tafel lesen wir: »Wenn du aber nicht Gutes thust, lauert die Sünde vor der Thür und begehrt nach dir, aber du sollst darüber herrschen.« Und bei Ludwig H. Tafel lesen wir: »Wenn du aber nicht Gutes tust, lagert die Sünde vor der Tür, und verlanget nach dir aber du sollst darüber herrschen.« Beide Swedenborgianer geben also hier gegen Swedenborg der ersten Lesart den Vorzug. Der Vers 7 des 4. Kapitels der Genesis ist offenbar wirklich der dunkelste dieses Buches und als solcher voller Tücken. Doch was ist vermutlich gemeint? Ich kann nicht ausschließen, dass die Doppeldeutigkeit gewollt ist, aber im komplexen Gewirr der Bedeutungsfäden möchte ich an dieser Stelle das Verständnis Swedenborgs verdeutlichen. Nach ihm handelt die Erzählung von einem Herrschaftskonflikt. Wir sahen bereits, dass mit Abel als »Hirte« die Vorstellung von einem Herrscher verbunden ist. Doch Kain will sich von Abel nicht beherrschen lassen. Deswegen wird ihm entgegen gehalten: »Nach dir (Kain) ist sein (nämlich Abels) Verlangen, du aber willst Herr über ihn sein.« Und deswegen wird Kain nach dem Mord unwillig ausrufen. Ich paraphrasiere: »Bin ich etwa der Hüter meines Brüders? Der erhebt doch selbst den Anspruch ein Herrscher zu sein! Warum also sollte ausgerechnet ich den behüten, der selbst das wachsame Auge des Herrschers (= der Hirt) sein will?«

Wer ist in Wahrheit in der Kirche zum Herrscher berufen? Die Dogmatik (= der Glaube) oder die Ethik (= die geschwisterliche Liebe)? Das Gerangel um die Vorherrschaft ist in der Kirchen- und Theologiegeschichte allenthalben zu beobachten. Auch in den Körperschaften der Neuen Kirche, die sich im Anschluss an Swedenborg gebildet haben, ist die Orthodoxie (= die rechte swedenborgsche Lehre) zum dominierenden Prinzip geworden. Und dementsprechend ist auch in der Neuen Kirche der Stein der eigenen Wahrheit rechthaberisch erhoben worden. Auf der Strecke ist Abel geblieben, blutüberströmt, erschlagen mit tausend Worten. Wie sähe eine Kirche aus, in der Abel der gute Hirte sein kann, in der er das Hirtenamt ausüben kann? Kains Mund bringt Einwände über Einwände gegen die Gemeinde der geschwisterlichen Liebe hervor: In einer Kirche muss doch Ordnung herrschen! Wo soll das hinführen, wenn jedes Schaf seine eigene Glaubenswahrheit suchen und womöglich auch noch finden darf? Doch Abels Kirche würde die Vielfalt der Glaubensmeinungen nicht als ein Zeichen des Zerfalls der Einheit fürchten, sondern sich an dieser bunten Blumenwiese erfreuen, denn sie zeigt den Frühling des geistigen Lebens an. Aber Abel wird von Kain mundtot gemacht, sein Blut versickert noch immer im Boden und schreit zu Gott.

Zu Genesis 4,8: »Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: ›…‹«. Was Kain zu Abel sagte, ist im masoretischen Text (dem sogenannten »Urtext«) nicht überliefert. Eine Reihe alter Textüberlieferungen - nämlich der samaritanische Pentateuch, die Septuaginta, die Peschitta und die Vulgata - haben jedoch: »Lass uns auf das Feld gehen!« Swedenborg hält sich an den masoretischen Text. Die Formel »A sagte zu B«, die eigentlich eine direkte Rede erwarten läßt, meint nach ihm hier »den Zug der Zeit« (tractus temporis, HG 366). Swedenborg führt diesen Gedanken nicht weiter aus, aber vermutlich meint er: Kain, der ja die sich verselbständigende Glaubenslehre (Dogmatik) verkörpert, verwickelt Abel mit der Zeit immer mehr in das theologische Streitgespräch. Kain zieht Abel also gewissermaßen auf sein »Feld«, das heißt auf das Feld der dogmatischen Auseinandersetzungen. Die Folge ist der Brudermord. Denn Abel oder das Tatchristentum ist, indem es sich »im Verlauf der Zeit« ganz und gar auf das Feld Kains ziehen läßt, schon verloren, weil es durch die Totalisierung des Diskutierens nicht mehr zu sich selbst kommen kann.

Deswegen heißt es weiter: »Es geschah bei ihrem Sein auf dem Feld«. Wo sonst kann der Brudermord geschehen? Abel kann nur auf dem Feld Kains, in der Domäne des »obed adamah« erschlagen werden, und zwar mit harten Fakten und spitzen Argumenten. Das Feld bezeichnet »die Lehre« und somit auch die Diskussionen auf dem Feld von Forschung und Lehre (HG 368). »Adam« (Mensch) und »adamah« (Erdreich) hängen in der Bildersprache der Bibel eng zusammen. Auch im Lateinischen finden wir diesen Zusammenhang von »Homo« (Mensch) und »Humus« (Erdreich). Die Aufgabe des »Erdlings« (= des Menschen) ist die Kultivierung der Erde, ihre Vergeistigung. Der Mensch ist das Nadelöhr, durch das alles aus dem Erdreich hindurch muss, um in das Himmelreich zu kommen. Der Begriff »Feld« ist im Zusammenhang dieser Kulturtätigkeit des geistbegabten Erdlings zu sehen. In der Bibel begegnen uns die Begriffe »Erde« (»arez«), »Erdreich« (»adamah«) und »Feld« (»sadeh«). Swedenborg gibt einige Hinweise zum tieferen Verständnis dieses Trios. Er schreibt: »Die Erde ist die Grundlage (wörtlich: das Enthaltende) des Erdreichs, und das Erdreich ist die Grundlage des Feldes (oder des Ackers)« (»terra est continens humi, et humus est continens agri«, HG 620, vgl. auch HG 377). Die drei Begriffe bauen also im Sinne der erwähnten Kulturtätigkeit aufeinander auf: Ohne die Erde kein Erdreich, und ohne das Erdreich kein Feld (= kein kultiviertes Erdreich). Im geistigen Verständnis ist »das Erdreich« ein Bild für die Empirie, das heißt für die Erfahrung des Irdischen durch die fünf Sinne. Die Empirie oder das Bild der Erde im Bewusstsein des äußeren Menschen ist die Grundlage für die Tätigkeit des Geistes. Der kann nämlich die Empirie mit der Saat seiner Gedanken befruchten; und wenn das geschieht, dann wird aus dem Erdreich ein Acker, auf dem die Früchte von Himmel und Erde heranreifen können. Im Trio »Erde«, »Erdreich« und »Feld« sind »Feld« bzw. »Acker« am engsten mit dem Samen oder der Saat verbunden.[40]

Diese gedankliche Verknüpfung dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, wenn wir das Folgende verstehen wollen: »Da erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und erschlug ihn.« Abel wird ausgerechnet dort erschlagen, wo die Erde zum Leben erweckt werden soll, auf dem Acker, der nun jedoch nicht die Samenkörner Kains, sondern die Blutstropfen Abels aufnehmen wird. Achten wir auf die Feinheiten der Sprache! »Kain erhob sich«. So wird der Aufstand Kains, seine Überheblichkeit dargestellt,  als ein Akt des sich Erhebens. Zugleich bedeutet das Verb »qum« aber auch »zustande kommen«, »Bestand haben« und »gelten«. Die Seele der Glaubenswissenschaft (Kain) ist die Glaubenspraxis (Abel). Theologie ist Denken aus Glauben, das heißt sie muss das Glaubensleben (Abel) voraussetzen. Sie kann den Glauben, insofern er eine innere Festigkeit, ein Gegründetsein in der Erfahrung des lebendigen Gottes ist, nicht erzeugen. Sie kann nur über die vorgegebene Wirklichkeit des Glaubens nachdenken. Den Brudermord kann man als die Befreiung der Glaubenswissenschaft (Kain) aus der Abhängigkeit vom Glaubensleben der Kirche (Abel) interpretieren. Durch diesen Akt der Erhebung mag sich die Theologie als etwas Selbständiges geltend machen, aber welchen Preis muss sie dafür bezahlen? Ich will denselben Gedanken noch einmal etwas handgreiflicher formulieren. Die Glaubenswissenschaft kann natürlich im Interesse ihrer Wissenschaftlichkeit die Auferstehung Jesu in Frage stellen oder auch leugnen. Denn die wissenschaftlich saubere Exegese des Neuen Testaments liefert keinen wirklich hieb- und stichfesten Beweis für diesen unerhörten Vorgang, der das Fundament der Kirche und das Wesentliche des Glaubens ist. Aber wenn die Theologie der Kirche auf diese Weise wissenschaftlich korrekt ins Gesicht schlägt, dann schwächt das zwar das Glaubensleben, vielleicht stirbt es sogar, zugleich aber wird dadurch auch die theologische Arbeit unfruchtbar. Der Boden, der das Blut Abels verschluckt, wird am Ende auch den Brudermörder entkräftet zurücklassen, weil er (= der Boden des Wortes) ihm (= dem Exegeten) seine Kraft nicht mehr geben wird. Die wissenschaftliche Exegese wird unfruchtbar, wenn sie sich nicht in den Dienst der Kirche stellt, wenn sie sich nicht dem guten Hirten unterordnet. Eine Theologie, die irgendwo jenseits des Glaubens Bestand haben will, wird am Ende nur eins sein: »unstet und flüchtig«.

Zweimal werden wir in Vers 8 daran erinnert, dass Abel der Bruder Kains ist. Dadurch kommt die Ungeheuerlichkeit um so krasser zu Vorschein, dass sich die Glaubenswissenschaft gegen das Glaubensleben erhebt. Beide Glaubensgestalten sind doch Brüder!

Das Wesen des Brudermords haben wir uns ein wenig verdeutlicht. Unklar bleibt allerdings das Wie. Das hebräische Verb »harag« bedeutet anscheinend nur höchst allgemein »töten« (Gesenius 187), so dass die Phantasie des Bibelinterpreten die Einzelheiten ergänzen kann und sogar muss, wenn das Bild anschaulich werden soll. Die deutschen Bibelübersetzungen bevorzugen »schlagen«, entweder in Form von »totschlagen« oder »erschlagen«.[41] Auch der Swedenborgianer Leonhard Tafel wählte »erschlagen«, während sich der Revisor seiner Neukirchenbibel Ludwig H. Tafel für »erwürgen« entschied und damit aus der Reihe fällt. Swedenborg hat »occidere«. Das kann »totschlagen« bedeuten, wird aber von ihm wohl einfach nur im Sinne von »töten« verwendet, denn das 5. Gebot (»Du sollst nicht töten«) übersetzt er mit »Non occides« (WCR 309). Eine Besonderheit beobachten wir beim Verfasser des 1. Johannesbriefes, nach dem Kain seinen Bruder »schlachtete« (1. Joh 3,12). Dieses Wort finden wir in der Johannesoffenbarung in Verbindung mit »Lamm« (5,6.12; 13,8). Sieht der Verfasser dieses neutestamentlichen Briefes also in Abel bereits eine Präfiguration Christi, des Lammes Gottes? Wir haben uns für »erschlagen« entschieden, weil wir in der Tradition Swedenborgs in Kain eine Personifikation des rechten Glaubens der Orthodoxie sehen, wo man sich mit Worten zu erschlagen pflegt. Schließlich noch ein Blick auf die Ikonographie. Anna Ulrich weist auf »die Vielfalt der Werkzeuge« hin: »Betrachtet man die Darstellungen der Tötung Abels, so fällt die Vielfalt der Werkzeuge auf, die Kain benutzt: vom Stein über die Keule bis zu Ackergeräten; vom Messer bis zum Eselskinnbacken. Es gibt Darstellungen, auf denen Kain mit Abel ringt, ihn erwürgt oder durch einen Biß tötet.«[42]

Zu Genesis 4,9: »Wo ist dein Bruder Abel?« Eine harmlose Frage. Jahwe erkundigt sich einfach nur nach dem Aufenthaltsort des Bruders von Kain. Auch nach dem Sündenfall stellte Jahwe eine solche Frage, damals an Adam: »Wo bist du?« (Gen 3,9). Doch die harmlose Wo-Frage hat es in sich. Sie deckt nämlich den Zustand desjenigen auf, der nun eine Antwort geben muss. Gerhard von Rad (1901 - 1971) weist auf einen Unterschied dieser beiden Wo-Fragen hin: »… die Frage Gottes an den Menschen lautet jetzt nicht ›Wo bist du?‹, sondern ›Wo ist dein Bruder?‹. Die Verantwortung vor Gott ist die Verantwortung für den Bruder; ›die Gottesfrage stellt sich jetzt als soziale Frage‹.«[43] In Genesis 3 kam es zum Bruch im Verhältnis des Menschen zu Gott (= im vertikalen Verhältnis), in Genesis 4 ist es nun zum Bruch im zwischenmenschlichen Verhältnis (= im horizontalen Verhältnis) gekommen. Kain muss vor Gott nun das verantworten, was er seinem Bruder (an)getan hat. Das erinnert an die Schilderung des Gerichtes im Matthäusevangelium (25,31-46). Die Szene mündet in die Worte: »Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan.« Und: »… was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr auch mir nicht getan.« Kain hat somit im Grunde Gott oder das Göttliche in sich (ab)getötet. Und tatsächlich wird die kainitische Menschheit auch noch den töten, den Abel nur im voraus, schwach darstellte, nämlich Jesus Christus, den Sohn Gottes.

Kain will sich durch seine Antwort nicht verraten. Auf die Frage: »Wo ist dein Bruder?« erwidert er: »Ich weiß es nicht.« Das ist eine unverdächtige Reaktion. Aber es ist auch eine freche Lüge. Franz Delitzsch schrieb: »Welch schauriger Fortschritt von der schamhaft ängstlichen Flucht und Entschuldigung der Ureltern nach ihrem Falle zu diesem frechen Trotze, dieser unverschämten Verleugnung, dieser lieblosen Rohheit!« (167). Dieses verdorbene Wesen Kains bricht im zweiten Teil seiner Antwort hervor.

»Bin ich der Hüter (oder Bewacher) meines Bruders?« Kain verrät sich nun doch. Denn diese heftige Gegenwehr zeigt, dass er aus seinem argen Bewußtsein in die »arglose Alltagsfrage« (Seebass 154) etwas Arges hineinspiegelt. Er spricht nämlich, ohne dass das irgendeinen Grund in der Wo-Frage hat, plötzlich von hüten oder bewachen. Damit gibt er zu erkennen: Ich weiß, dass Abel etwas Böses widerfahren ist (denn ich habe ihn ja selbst umgebracht). Der Ausruf »Bin ich der Hüter meines Bruders?« bringt die ganze Geringschätzung und Verachtung zum Vorschein, die Kain gegenüber Abel empfindet. Nach Swedenborg bedeutet er, dass Kain seinen Bruder Abel »für nichts hielt« (nihili faceret, HG 370). Abel ist etwas so Nichtswürdiges, dass man es nicht wie ein kostbares Kleinod sorgsam behüten muss. 

Der »Hüter« spielt auf den Beruf Abels an (Hirt = Hüter der Herde). Daher können wir Kains dreiste Antwort so umschreiben: »Soll ich, der Ackerbauer, der Hüter eines Hirten sein, dessen Tätigkeit nun einmal von Natur aus voller Gefahren ist, auf die er sich mit seiner Berufswahl eingelassen hat.« (siehe Seebass 154). Abel ist also selbst schuld, wenn ihm etwas zustößt. Der Zusammenhang von Hirt (»ro‘eh«) und Hüter (»schomer«) ist im Alten Testament gut bezeugt: »Der Israel zerstreut hat, wird es (wieder) sammeln und wird es hüten (uschemaro) wie ein Hirt (kero‘eh) seine Herde!« (Jer 31,10). »Und Jakob sagte: Du sollst mir gar nichts geben; wenn du mir diese (eine) Sache zugestehst, dann will ich wieder deine Schafe weiden (er‘eh) (und) hüten (eschmor).« (Gen 30,31; vgl. Hos 12,13). In 1. Samuel 17,20 steht das Partizip Wächter, Hüter für den Hirten: »Da machte sich David des Morgens früh auf und überließ die Schafe einem Hüter (schomer).« Und im Neuen Testament lesen wir: »Und Hirten (poimenes) waren in derselben Gegend im Freien und hüteten (phylassontes phylakas = hielten Wache) des Nachts bei ihrer Herde.« (Lk 2,8).

Nach Swedenborg drückt sich in dem unwilligen Ausruf: »Bin ich der Hüter meines Bruders?«, noch einmal die Rebellion Kains gegen den Dienst, das heißt gegen die Unterordnung unter Abel aus. Diesen Dienst vergleicht er mit dem der Türhüter (»scho‘arim«) und der Hüter der Schwelle (»schomere hasaf«)[44]: »›Hüter sein‹ bedeutet dienen, gleichsam wie die Türhüter und die Hüter der Schwelle in der jüdischen Gemeinde« (HG 372). Was könnte Swedenborg mit dieser ungewöhnlichen gedanklichen Verbindung meinen? Der Glaube (Kain) als Schwellenwächter hat die Aufgabe darauf zu achten, dass nur diejenigen Gedanken in das Innere hineingelassen werden, die der freien Tatentfaltung des Geistes in seiner Gemeinschaft dienen. Der Hüter der Schwelle weist die Fremden zurück, nur die Freunde des Hausherrn, die mit seinem Leben inniglich verbunden sind, läßt er hinein. Diesen unter- oder vorgeordneten Dienst soll der Glaube dem geistigen Leben leisten. Stattdessen aber schwingt er sich zum Herrn auf und würgt das innere Leben durch seine rechthaberische Tyrannei ab.

»Schamar«, das wir bisher immer mit »hüten« übersetzt haben, kann auch »beobachten«, »Acht geben«, (den Bund oder die Gebote Gottes) »halten« und »verehren« bedeuten. Wenn der Glaube seine Position als Schwellenwächter willig annimmt, dann richtet er sich innerlich auf seinen Herrn aus. Er beobachtet ihn. Er gibt Acht auf seine Winke. Er hält sich an die Weisungen seines Herrn. Mit einem Wort: Er verehrt ihn. Doch der selbstherrliche Glaube ruft empört aus: Bin ich der Verehrer meines Bruders?

Zu Genesis 4,10: Die zweite Frage Jahwes oder die zweite Äußerung des Gewissens nach der schrecklichen Tat lautet: »Was hast du getan?« Swedenborg legt sie hier nicht aus. Aber dieselbe Frage kommt auch in Genesis 20,9 und 31,26 vor, und dort geht er bei seiner Auslegung von den Affekten oder Emotionen aus, die gleichsam das Leben dieser Worte sind (siehe HG 2546 und 4132). Daher achten wir besonders auf die Exegeten, die ebenfalls vom affektiven Gehalt ausgehen. Nach August Dillmann (1823 - 1894) ist »Was hast du getan?« in Genesis 4,10 »eine Frage des Entsetzens«.[45] Und auch nach Gerhard von Rad bringt der Ausruf »Gottes Entsetzen über diese Tat« zum Ausdruck (77). Aus der »Was hast du getan?« Frage von Genesis 31,26 hört Swedenborg den Stimmungston der »Entrüstung« heraus (HG 4132). Ein anderer Ansatzpunkt für die Deutung von Sprache ist die Suche nach einem »Sitz im Leben«, das heißt nach einer Situation, in der typischerweise so und nicht anders gesprochen wird. In diesem Sinne erkennt Horst Seebass in den Versen 10 bis 12 »eine Reihe juristischer Vorstellungen«. So sei »Was hast du getan?« eine »Formel«, die man vor einem »Gerichtsverfahren zur Behaftung des Täters« verwandte (155). Kains Tat erscheint nun im Lichte der göttlichen Wahrheit als das, was sie ist, nämlich als ein himmelschreiendes Unrecht. Und sie wird anschließend mit den Folgen konfrontiert, in die sie verwickelt wird. In diesem Sinne wird Kain gerichtet. Die Frage »Was hast du getan?« kann man auch auf der Subjektstufe deuten. Dann lautet sie: »(Mein Gott), was habe ich getan?« Die Frage leitet die Bewusstwerdung der Tatfolgen ein. Die Deutung auf der Subjektstufe ist auch nach Swedenborg angemessen, weil er das Sprechen Jahwes mit dem Gewissen in Verbindung bringt und das Gewissen die innere Stimme Gottes ist. Hier spricht also die höhere Ebene im Subjekt zu der niederen Ebene im Subjekt.

»Horch! Das vergossene Blut deines Bruders schreit zu mir vom Boden.« So haben wir die zweite Vershälfte übersetzt. Das hebräische Wort »qol« bedeutet zwar eigentlich »Stimme«, so übersetzt es Swedenborg. Aber im Alten Testament ist auch der Gebrauch von »qol« als Interjektion belegt (Gesenius 707), und dann bedeutet es »horch!«. Wir haben uns hier gegen Swedenborg für »horch!« entschieden, weil für »schreien« im Urtext eine Pluralform steht, die sich nur auf den Plural »Blut« beziehen kann, nicht aber auf den Singular »Stimme«.

Damit ist schon die nächste Beobachtung genannt: »Blut« steht im Urtext im Plural. Nach Franz Delitzsch ist das der »Pl(ural) des Products«. Er bedeutet »als solcher das aus dem Innern des Leibes, wo es heimisch ist, tropfen- oder flußweise zur Erscheinung kommende Blut und zwar immer gewaltsam verströmtes Menschenblut«, das ist »ein fester Sprachgebrauch« (167)[46]. Auch Swedenborg gibt eine Erklärung für den Plural von »Blut«: »Blut im Plural heißt es, weil die Gesamtheit des Ungerechten und Abscheulichen aus dem Hass Entspringt, wie die Gesamtheit des Guten und Heiligen aus der Liebe« (HG 374). Das Blut steht sonach für das gewaltsam produzierte (Plural des Produkts), das heißt für das vergossene Blut. Oder, um Swedenborg aufzugreifen: Abels Blutlache steht für alle Gewalttaten, die sich die Menschen gegenseitig zufügen. Das Blut steht für die Bluttat oder, wenn wir von der Tat auf die Gesinnung schauen, für den »Hass« (HG 374). Nach diesen Überlegungen könnten wir den Vers auch so übersetzen: »Was hast du (nur) getan? Horch! Die Bluttat an deinem Bruder, sie schreit zu mir vom Boden (empor).«

Das Geschrei der zahllosen Blutstropfen klagt Kain vor Gott an (siehe »anklagen« in HG 374 und 375). So wird er zu einem Angeklagten. Durch das Jammergeschrei wird er in den Zustand eines Beschuldigten versetzt, denn jede Tat begründet einen Zustand. Das Geschrei der Blutlache ist also ein archaisches Bild für diesen »Schuldzustand« (HG 376) Kains.

Das Blut sickert in den Boden ein. Die Bluttat durchtränkt und durchdringt ihn, sie erfüllt ihn ganz und gar. Dadurch wird die Gewalt ein Teil dieses Bodens, ein Bestandteil seines Wesens. Gleiches gilt für die Schuld. Denn mit dem Blut dringt auch sie in den Boden ein. Er ist nun als der Boden des Brudermörders wie dieser schuldbeladen. So waren die Erzählungen der Alten beschaffen. An dem für unser Empfinden unschuldigen Boden klebt nun das Blut Abels und damit die Schuld Kains. Daher klagt der Boden seinen Herrn, gemeint ist Kain, vor Gott an, denn aus allen seinen Furchen dringt das Gejammer des unschuldig vergossenen Blutes zu Gott empor. Im geistigen Sinn meint der Boden den geistigen Boden oder die geistige Grundlage Kains, das heißt dasjenige gedankliche System, das seiner Gedankenproduktion oder seiner geistigen Fruchtbarkeit zugrunde liegt. Dieser fundamentaltheoretische Boden ist im Falle Kains »eine Abspaltung« (schisma) oder »eine von der Kirche abweichende Lehre« (haeresis) (HG 377). Konkret denkt Swedenborg an die Lehre von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben. Diese Lehre hat das geistige Leben (Abel) in der Kirche im Grundsatz ausgelöscht. Denn wo sind die christlichen Meister, die den Weg der geistigen Wiedergeburt gegangen sind und Schüler aufnehmen können? Kains Acker ist ein Friedhof geworden, aber anscheinend hört nur Gott das Stöhnen Abels, das schwache, das aus diesem Blutacker emporsteigt.

Zu Genesis 4,11: »Und nun« leitet die Schilderung der Folgen ein. »Verflucht bist du vom (min) Boden«. Die Präposition »min« ermöglicht verschiedene Übersetzungen. Erstens: »Verflucht bist du vom Boden (her)«. So verstanden vollzieht der Boden selbst die Verfluchung. Das passt zu Vers 10, wo das Blut vom Boden her zu Jahwe schreit. Zweitens: »Verflucht bist du wegen des Bodens«. So verstanden vollzieht zwar Jahwe die Verfluchung (siehe die direkte Anrede), aber »wegen« oder »infolge« des Bodens. Drittens: »Verflucht bist du vom Boden weg«. So verstanden wird Kain vom Boden weggetrieben oder verbannt. Das passt zu seinen Worten in Vers 14: »Siehe, du vertreibst mich heute von den Angesichten des Bodens«. Und viertens ermöglicht der komparativische Gebrauch von »min« die Übersetzung: »Verfluchter bist du als der Boden«. In den deutschen Bibeln überwiegt die dritte Variante.[47] Die Swedenborgianer Leonhard Tafel und Ludwig H. Tafel sind jedoch zurückhaltender. Sie übersetzen »min« möglichst neutral mit »von« und greifen somit kaum sinnklärend in den Text ein. In der Tradition Swedenborgs muss man der zweiten Variante den Vorzug geben: »Verflucht bist du wegen (oder infolge) des Bodens«[48]. Auch die erste kann man gelten lassen. Doch die so beliebte dritte und erst recht die vierte scheiden aus. Zur Begründung diene das Folgende: In Genesis 3,17 wurde der Boden verflucht. Als »Knecht des Bodens« (Genesis 4,2) ist Kain demnach in der Sphäre des Verfluchten tätig. Somit steht er vor der Entscheidung: Wird er den Fluch überwinden und aufheben können? Oder wird ihn die verfluchte »adamah« nach unten ziehen? Die Antwort: Kains Angesicht fällt nach unten und wendet sich von oben ab. Kain kann den Fluch also nicht aufheben. Stattdessen wird er nun selbst ein Verfluchter, einer, der sich von oben, wo Jahwe ist, abgewendet hat und nach unten auf das Irdische blickt (siehe »aversus« in HG 378 und »deorsum spectare« in HG 379)[49]. Diese Verfluchung Kains geschieht »wegen« oder »infolge« des Bodens, in dessen Machtbereich sich Kain befindet. Außerdem spricht für die zweite Variante der innere Sinn. Denn der Boden meint die geistige Grundlage, das heißt im Falle Kains die schismatische oder häretische Lehre der Gerechtmachung des Menschen durch den Glauben allein (HG 377). Kain ist demnach wegen dieser Irrlehre ein Verfluchter.

Der Boden »hat sein Maul aufgerissen«. Das Verb »pazah« ist nicht das gewöhnliche Wort für »öffnen«. Das ist »patach«, das in der hebräischen Bibel auch in Verbindung mit Mund belegt ist (Gesenius 667), so dass man sich fragen kann, warum in Genesis 4,11 »aufreißen« (pazah) und nicht »öffnen« (patach) steht. Die Antwort besteht möglicherweise darin, dass sich mit »pazah« die Nebenbedeutung von »törichter, übereilter Rede« verbindet (Gesenius 653). Diese Beobachtung passt jedenfalls gut mit Swedenborgs Auslegung zusammen, wonach der Boden hier die törichte Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben allein meinen soll. Das Aufreißen bedeutet das Lehren dieser Häresie (HG 378). Dadurch verschwindet das Blut Abels, weswegen es heißt, dass der Boden sein Maul aufriss, um das Blut Abels zu nehmen oder zu verschlucken. So löscht die Lehrtätigkeit die Liebtätigkeit aus (HG 378).

Zu Genesis 4,12: »Wenn du den Boden bebaust, wird er dir seine Kraft nicht mehr geben.« Das heißt, die Lehre von der Gerechtsprechung des Menschen, der bestimmte dogmatische Satzwahrheiten für wahr hält, erzeugt kein geistliches oder spirituelles Leben. Die Kultivierung (»excolere«, HG 380) dieses theologischen Grundsatzes erweist sich für das Leben der Kirche als unfruchtbar. In den Ohren echter Kainiten ist dieser Satz selbstverständlich eine Ungeheuerlichkeit. Denn die Rechtfertigungslehre gilt diesen Brudermördern als »articulus stantis et cadentis ecclesiae«, das heißt als »der Glaubensartikel, mit dem die Kirche steht und fällt«. Doch der Absolutismus dieser törichten Lehre leert die Kirchen. Die Menschen suchen Spiritualität, doch geboten wird ihnen von den Schwarzröcken nur das leere Stroh einer falschen Kreuzestheologie. Und so wandert das Glaubensvolk aus und sucht woanders die Quelle des Lebens.

»Koach« bedeutet Kraft, hier die Kraft des Erdreichs, die es nicht aus sich heraus hat, sondern aus dem Saatgut des göttlichen Geistes, der im Erdreich die Materie oder den mütterlicher Stoff vorfindet, um daraus die ihm entsprechende Leiblichkeit zu formen. »Koach« ist hier die mütterliche oder seelische Kraft, etwas aus etwas zu gestalten. »Koach« ist die Erzeugungsfähigkeit und dann auch der Ertrag dieser ausformenden und gebärenden Kraft. Die Mutter Erde wird unfruchtbar. Was für ein Fortschritt! In Genesis 3,17-18 hieß es demgegenüber nur: »… so sei der Erdboden verflucht um deinetwillen. Mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens, Dornen und Disteln wird er dir sprossen lassen, und du wirst das Kraut des Feldes essen!« Immerhin, die »adamah« brachte damals noch etwas hervor. Nun aber wird sie unfruchtbar (»sterilis«, HG 380). Denn sie hat das Blut Abels aufgenommen. Das Blut gilt als der Sitz des Lebens (Num 17,11). Doch der Lebenssaft Abels befruchtet die »adamah« des Brudermörders nicht. Denn er ist das Blut einer Bluttat. Und indem dieses Blut den Boden durchtränkt, wird die Gewalttat die Seele oder das Wesen der »adamah« Kains. Sein Studium der Schriften kann fortan nur noch den Tod gebären. Sein Studium der Schriften bleibt unfruchtbar, weil es keine Werke hervorbringen will und daher auch nicht kann. Werke sind aber die Früchte des Studiums der alten, heiligen Texte. Steril wird dieses Studium, wenn es nur noch um historische Fragen geht und dabei vergessen wird, dass die biblische Exegese keine reine Wissenschaft sein, sondern dem kirchlichen Leben dienen soll. Mit dem Mord an seinem Bruder hat Kain seinen eigenen Glaubensboden unfruchtbar gemacht. Der Glaube hat den Liebeshauch vernichtet, so daß nun auch die Glaubensgrundlagen nicht mehr fruchtbar werden können.

Die stabreimartige Verbindung »na‘ wanod« (»unstet und flüchtig«)[50] kommt im gesamten Alten Testament nur hier vor. Swedenborg bringt in HG 382 zwar einige Vergleichsstellen, sie enthalten aber nicht die oben genannte Verbindung und teilweise auch nicht die darin verborgenen Verben, sondern nur sinnverwandte. Dennoch kann Swedenborg den folgenden Sinn ermitteln: Unstet und flüchtig sein bedeutet »nicht wissen, was wahr und gut ist«. Kain gerät demnach durch den Brudermord in geistige Orientierungslosigkeit. Das Verb »nua‘« bedeutet »(sch)wanken«, »haltlos« bzw. »heimatlos sein«. Und das Verb »nud« hat eine ähnliche Bedeutung, denn es bedeutet »(sch)wanken«, »ziellos« bzw. »heimatlos sein«. Die Glaubenswissenschaft ist nach dem Brudermord nicht mehr im Glaubensleben verankert. Daher verliert Kain den Boden unter den Füßen und gerät ins Wanken, das heißt er wird in seiner scheinbar festgefügten Meinung unsicher. Die stabreimartige Wiederholung zeigt an, dass sich diese Verunsicherung sowohl auf den Standpunkt (das Wahre) als auch auf den Zielpunkt (das Gute) auswirkt. »Flüchtig« wird die Glaubenswissenschaft, weil sie nach dem Brudermord ihren Halt im kirchlich-spirituellen Leben verliert und nun den Angriffen von außen ausgeliefert ist und ihnen entgehen möchte. So befindet sich die Glaubenswissenschaft ständig auf der Flucht vor glaubensfremden Argumenten in der Angst, von ihnen erschlagen zu werden.

Zu Genesis 4,13: »Da sagte Kain zu Jahwe: ›Zu groß ist meine Verkehrtheit, als dass sie aufgehoben werden könnte.‹« Für das hebräische »awon« steht in den deutschen Bibeln meist »Strafe«.[51] Die katholische Einheitsübersetzung hat »Schuld«. Und Leonhard und Ludwig Tafel haben »Misset(h)at«. Die deutschen Interpreten der hebräischen Partitur betonen demnach mehrheitlich den Anschluss an Vers 12. Dort war von der Straffolge die Rede, und darauf reagiert Kain nun mit den Worten: »Zu groß ist meine Strafe, als dass ich sie tragen könnte.« (Elberfelder Bibel). Werfen wir einen Blick auf Swedenborg! In der lateinischen Bibel von Sebastian Schmidt fand er »delictum« (Vergehen) vor. Er selbst wählte aber »iniquitas« (Unebenheit, Ungerechtigkeit).

Das hebräische »awon« meint den ganzen Zusammenhang vom Vergehen über die Schuld bis zur Strafe. Denn nach Rolf Knierim wurzelt der Begriff »im dynamistischen Ganzheitsdenken«. Zur gängigen Übersetzungspraxis schreibt er: »Angesichts der durch das Ganzheitsdenken bestimmten einheitlichen Verwendung des Begriffs ›awon‹ für die verschiedenen Stadien eines Untat-Geschehensablaufes (Tat - Folgesituation - Vollendung) wird die herkömmliche, auch lexikographische Übersetzungspraxis problematisch. Sie übersetzt ›awon‹ je nach dem Kontext mit ›Vergehen‹ - ›Schuld‹ - ›Strafe‹. Zunächst einmal können ›Schuld‹ und ›Strafe‹ nur noch als freie Interpretationen der Grundbedeutung angesehen werden. Darüber hinaus drohen die Implikationen der Einheitlichkeit eines Geschehensablaufes und die Einheitlichkeit desselben hebr. Begriffes in verschiedenen Kontexten durch die Verschiedenheit der Übersetzung verlorenzugehen.« (THAT II,245). Die hier angesprochene Grundbedeutung des Verbums »awah«, von dem »awon« abgeleitet ist, ist »beugen«, »krümmen«, »verkehren«, »verdrehen«. Daher haben wir uns, einem Vorschlag von Rolf Knierim folgend, für »Verkehrtheit« als Übersetzung von »awon« entschieden.

Bevor wir diese Überlegungen abrunden können, müssen wir noch etwas zum Verb »nasa’« sagen. Wieder ist nämlich eine Vorliebe in den deutschen Bibeln zu beobachten. Dort steht mehrheitlich »tragen«.[52] Swedenborg entschied sich jedoch für »auferre« (wegtragen). Daher finden wir in den neukirchlichen Bibeln von Leonhard Tafel und Ludwig Tafel »wegnehmen«. Auch das Verb »nasa’« deckt einen ganzen Zusammenhang ab. Es bedeutet »aufheben«, »tragen« und »wegtragen«. In Verbindung mit Sünde kann es auch »vergeben« bedeuten. Der Übersetzer, der in seiner Zielsprache keine Worte vorfindet, die alle Aspekte in sich vereinen, muss wohl oder übel einen Aspekt herausgreifen und dadurch beim Leser den Eindruck erwecken, dieser eine Gesichtspunkt sei der richtige.

In diesem Sinne haben wir in der Tradition Swedenborgs eine bestimmte Teilbedeutung hervorgehoben. Wir hören aus den Worten Kains Resignation oder Verzweiflung (»desperatio«, HG 383) heraus, die er in die Worte kleidet: »Meine Verkehrtheit ausgehend von dem, was ich getan habe, bis zu den letzten Tatsachen, die sich daraus ergeben werden, ist einfach viel zu groß, als dass das je wieder aufgehoben oder rückgängig gemacht werden könnte.« Kain schafft eine neue Wirklichkeit, der die Menschheit fortan nicht mehr wird entkommen können. So groß, so umfassend ist diese neue, kainitische Wirklichkeit. Auch Jahwe muss sie respektieren.

Zu Genesis 4,14: Mit Swedenborg zerlegen wir den Vers in vier Abschnitte. Erstens: »Siehe, du vertreibst mich heute vom Angesicht (von der Oberfläche) des Bodens«. Zweitens: »Und vor deinem Angesicht werde ich verborgen sein«. Oder: »Und vor deinem Angesicht muss ich mich verbergen«. Mit Swedenborg bevorzugen wir die erste Übersetzung.[53] Drittens: »So dass ich unstet und flüchtig sein werde auf Erden«. Viertens: »Und dann wird es geschehen, dass jeder, der mich findet, mich totschlagen wird«. Diese vier Abschnitte lassen sich zu zwei Gruppen vereinen. Denn die ersten zwei Abschnitte enthalten Verben der Trennung (vertreiben und verbergen). Und die zweiten zwei Abschnitte beginnen mit einem Perfekt consecutivum, das heißt mit einer hebräischen Verbform, die eine folgernde Funktion hat. Hier bringen diese Verbformen die Folgen der zuvor genannten Trennungen (»separari«, HG 385) zum Ausdruck.

Die erste Trennung bezieht Swedenborg auf das Wahre (HG 386), die zweite auf das Gute (HG 387). Zur Vertreibung vom Boden sei erläuternd gesagt: Kain wird von seiner Glaubensgrundlage geschieden. Denn das Verweilen bei einem Glauben ist weniger eine Sache des Denkens; gedanklich läßt sich nämlich sehr viel begründen und plausibel machen. Die Bindung an einen Glauben ist vielmehr eine Sache des Gefühls oder jenes Hauches, den Abel darstellt. Nach der Auslöschung Abels wird auch die innere Verbundenheit mit dem bis dahin Geglaubten schwächer und verschwindet schließlich ganz und gar. Und die zweite Trennung, das Verbergen des Angesichtes ist ein Zeichen dafür, dass der veräußerlichte Glaube den Zugang zum Inneren oder den eigentlichen Lebensgeheimnissen total verloren hat. Der kainitische Glaube empfindet tiefe Abscheu und einen unaussprechlichen Widerwillen gegenüber dem Guten des Lebens. Daher ist ihm das Angesicht Jahwes unerträglich. Swedenborg schreibt: »Manche sind der Meinung, dass Gott sein Angesicht vom Menschen abwende« (HH 545), doch der Mensch wendet sich selbst vom Herrn ab »und wendet sein Gesicht jener Hölle zu, mit der er in der Welt verbunden gewesen war« (HH 548). In Vers 5 war davon die Rede, dass sich Kains Angesicht senkte. Zwischen dieser Fallbewegung und dem Verbergen des Angesichtes Jahwes besteht ein innerer Zusammenhang. Denn wenn wir uns unter dem Angesicht Jahwes die Sonne vorstellen, dann verschwand es schon, als Kain seinen Blick senkte und nur noch den Boden anstarrte. Für den kainitischen Glauben ist Gott ein »Deus absconditus«, ein verborgener Gott.

Schauen wir auf die Folgen der beiden Trennungen. Die erste Konsequenz ist die Orientierungslosigkeit oder die Unwissenheit in Bezug auf das Wahre und Gute (HG 388). Und die zweite ist die Anfälligkeit für alles Böse und Falsche (HG 389).[54]

Zu Genesis 4,15: »Aber Jahwe sprach zu ihn: ›Ebendeswegen[55] soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfach Rache erleiden.‹« Hier ist besonders »das Erstaunliche zu würdigen, dass Jahwe sich nach seinem eindeutigen Urteil über Kains Tat so außerordentlich für Kain einsetzen kann.« (Seebass 159). Doch Swedenborg gibt eine sehr einleuchtende Erklärung. Sie ergibt sich nach all dem Gesagten beinahe von selbst aus seiner Interpretation Kains. Kain oder »der isolierte Glaube« (»fides separata«, HG 394) darf um des Heils des Menschengeschlechtes willen nicht auch noch zerstört werden. Daher fügt Jahwe es so, dass die Überlieferungen des Glaubens sakrosankt werden (»sacrosanctum«, HG 395). Und dann dürfen sie als geheiligte oder hochheilige Überlieferungen nicht mehr angetastet werden. Die Sieben weist auf etwas Hochheiliges hin (HG 395). Daher meint »siebenfache Rache«: Wer die dem profanen oder menschlichen Zugriff entzogenen und dadurch geheiligten Glaubenslehren der Kritik und den Manipulationen des Intellekts oder der eigenen Klugheit unterwirft, der handelt sich damit die Strafe eines Schänders heiliger Dinge ein. Denn der äußere Verstand erhebt sich über alles sogenannte Heilige, verliert je länger er am Werk ist um so mehr jegliche Achtung gegenüber den Traditionen der Väter und Mütter des Glaubens und am Ende hat er das ganze Erbe aufgelöst und steht vor dem Nichts seiner schändlichen Leistung. Deswegen will Jahwe, dass Kain nicht dem menschlichen Gericht und dem menschlichen Urteil ausgeliefert wird, obwohl er ein Brudermörder ist und auch bleibt. Der Verstand hat schon Recht, wenn er vermutet, dass mit den »heiligen« Texten etwas nicht stimmt, aber das gibt ihm dennoch nicht das Recht, diese alten Zeugen einer großen Wahrheit vor das Gericht seiner eigenen Be- und Verurteilung zu zerren. Die Heiligung oder Tabuisierung bestimmter Traditionen ist die Folge eines Urfrevels. Nach dem Verlust der lebendigen Gottesbeziehung (Abel) musste eine Ersatzstabilisierung gefunden werden. Und das ist die Heiligung des Brudermörders. Doch aufgrund seiner Herkunft neigt der solcherart Geheiligte zur Verhärtung, Dogmatismus genannt. Diese Sklerose erinnert ihn an den einstigen Mord, an die Auslöschung des Lebens, der er seinen Aufstieg verdankt.

Die zweite Hälfte des Verses lautet in einer möglichst wörtlichen Übersetzung: »Und Jahwe setzte dem Kain ein Zeichen, damit jeder, der ihn findet, ihn nicht totschlage.« Für das hebräische »ot« (»Zeichen«) fand Swedenborg bei Sebastian Schmidt »miraculum« (Wunder) vor. Denn »setzen« in Verbindung mit »ot« und Jahwe als Subjekt »wird nur in poetischen Texten und so verwandt, daß die Zeichen entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit liegen.« So meinen Ex 10,2, Ps 78,43, Jer 32,20 und Ps 105,27 rückblickend die den Exodus begleitenden Wunder; Jes 66,19 hingegen meint ein zukünftiges (siehe Seebass 159). Daher könnte auch hier ein Jahwes Zusage beglaubigendes Wunder (»miraculum«) gemeint sein. Swedenborg entschied sich aber gegen die Übersetzung von Schmidt für »signum« (Zeichen). Allerdings interessiert ihn nicht so sehr die Art des Zeichens, sondern dessen Funktion. Es dient nämlich der Unterscheidung (distinguere, HG 396) und infolgedessen der Erhaltung (conservare, HG 396) des Glaubens. Es ist also ein Zeichen des Schutzes. Die Glaubensüberlieferungen werden von den übrigen unterschieden, indem sie mit einer Aura des Heiligen umgeben werden. Das dient ihrer möglichst unversehrten Bewahrung durch die Zeiten hindurch.

Zu Genesis 4,16: »Und Kain ging vom Angesicht Jahwes weg«. Damit vollzieht er die Ankündigung von Vers 14: »Vor deinem Angesicht werde ich verborgen sein«. Er trennt sich also nun wirklich »vom Guten des Glaubens der Liebe« (HG 398). Zu beachten ist, dass sich Kain von Jahwe trennt, nicht Jahwe von Kain. Denn der Mensch ist es, der in seiner Verfinsterung die Nähe seines Gottes nicht mehr ertragen kann und das Weite sucht. Diese Flucht vor der zu großen Nähe Gottes beinhaltet aber auch einen Neuanfang. Das Verb »jaza’« deutet das insofern an, als es auch den Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung anzeigen kann.[56] Diesen Aspekt hervorhebend, können wir das Versstück so übersetzen: »Kain zog vom Angesicht Jahwes aus«. Oder: »Kain ging vom Angesicht Jahwes hervor«. Und tatsächlich wird Kain durch seinen Auszug aus dem Angesicht (= dem Inneren) Jahwes zum Begründer der äußeren Kultur (Genesis 4,20-22).

»Und er ließ sich im Land Nod nieder, östlich von Eden«. Wie läßt sich das unstete und flüchtige Dasein Kains mit seinem neuen, festen Wohnsitz »im Land Nod« vereinbaren? Die Antwort ist einfach. Das Land Nod ist nämlich in der Bildersprache der Bibel genau dieser neue Zustand des geistigen Elends und der Heimatlosigkeit (Gesenius 491), es ist »das Land der Ruhelosigkeit« (v. Rad 78). »Nod« greift »na wa-nod« (unstet und flüchtig) auf (HG 398). Dieser elende Zustand des Menschen, der seine Heimat bei Gott verloren hat, erinnert mich an das berühmte Wort Augustins: »… denn du hast uns auf dich hin erschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruht in dir« (»… quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te«, Confessiones I,1,1).

Das Land Nod liegt »östlich von Eden«. Eden, der Wonnegau der Liebe, liegt demnach von Nod (bzw. Kain) aus gesehen im Westen und somit in der Gegend des Sonnenuntergangs. Nach Gesenius bedeutet »qidmah« neben »östlich von« auch »gegenüber« (701). Das wirft ein Licht auf Swedenborgs Interpretation. Er übersetzt nämlich: »gegen den Osten Edens hin« (versus orientem Edenis). Und das bedeutet: Kain wohnte »dicht neben (juxta) dem verständigen Gemüt, wo früher die Liebe herrschte« (HG 398). Das heißt: Der Glaube ist nun zwar separiert oder als etwas Besonderes von der Liebe unterschieden, aber er ist immer noch »gegenüber« dem ursprünglichen Wonnegau vor der Entzweiung angesiedelt. »Juxta« (dicht neben) ist mit »jungere« (Verbinden) verwandt. Für Swedenborg scheint hier also noch eine gewisse Verbindung zwischen dem Land Nod und dem »Osten Edens« zu bestehen. Im Fortgang der Urerzählungen der Bibel (Genesis 1 bis 11) wird die Entfernung vom Osten (»qedem«) oder von der Urzeit (ebenfalls »qedem«) immer größer werden. Die Erzählung von Babel und seinem Turm leitet das Geschehen mit den Worten ein: »Und es geschah bei ihrem Aufbruch von Osten« (Genesis 11,2). Dort wird der Absturz in das rein analytisch-zerlegende Denken erzählt. So weit unten ist Kain noch nicht angekommen. Er wohnt noch in einem Land, das »östlich von Eden« liegt.

5. Eine Synthese des inneren Sinnes

Wir haben Genesis 4,1 bis 16 Vers für Vers besprochen und nicht selten sogar den Sinngehalt einzelner Worte untersucht. Nun wollen wir das Ganze zusammenfassen, indem wir den inneren Sinn als eine Art Übersetzung von Genesis 4,1 bis 16 darbieten. Dieses Vorgehen ist nicht unproblematisch, denn es erweckt den Eindruck als ließen sich die Korrespondenzen so einfach in einen äußeren Wortlaut umgießen. Dennoch wollen wir dem Leser, der uns bis hierhin gefolgt ist, mit dieser Übersetzung die eigenständige Synthese oder Zusammenschau des inneren Sinnes ein wenig erleichtern.

1. Die älteste Kirche brachte eine Glaubenslehre hervor und meinte, damit etwas selbständig Seiendes kreiert zu haben. 2. Außerdem brachte sie die Nächstenliebe hervor. Diese leitete die Menschen zum geschwisterlichen Verhalten in der Gemeinschaft an. Die Glaubenslehre hingegen beschäftige sich nur mit den theoretischen Grundlagen. 3. Beide Tätigkeiten galten als gottesdienstlich. Und so brachte die Dogmatik dem Gottesleben ihre Lehrsätze dar. 4. Die Nächstenliebe aber brachte ihm das Heilige und Himmlische dar. Diese Gaben waren dem Gottesleben angenehm. 5. Aber das bloße Glaubenswissen konnte ihm nicht angenehm sein. Doch das erregte den Zorn der Glaubenswissenschaft, die sich daraufhin sich selbst zuwandte und vom Gottesleben abkehrte. 6. Da meldete sich jedoch die Stimme des Gewissens und sagte: »Warum erregt das deinen Zorn? Und warum wendet sich dein Inneres von mir ab? 7. Ist es nicht so? Wenn du dich zum Guten durchringen könntest, dann würde sich dein Inneres wieder erheben. Wenn du dich aber gegen das Gute entscheidest, dann lauert die Sünde wie ein Dämon vor der Tür deines Willens. Bedenke doch! Die Nächstenliebe hat ein inniges Verlangen nach dir, du aber willst sie beherrschen und nicht anerkennen, dass sie deine Seele ist und dich lenken und leiten will.« 8. Aber der Glaube hörte nicht auf die Stimme des Gewissens, sondern verwickelte die Nächstenliebe in dogmatische Streitgespräche. Und auf diesem Feld des Disputs erhob er sich dann über sie und schlug sie brutal mit theologischen Argumenten tot. 9. Doch sofort meldete sich wieder die Stimme des Gewissens und fragte: »Wo ist denn die Nächstenliebe geblieben?« Der Glaube aber reagierte unwillig, indem er sprach: »Das weiß ich doch nicht. Bin ich etwa der Aufpasser meines Bruders?« 10. Doch die innere Stimme ließ sich durch diese dreiste Antwort nicht zum Schweigen bringen. Und so wurde der Dogmatik der ganze Umfang ihrer mörderischen Überheblichkeit bewusst: »Mein Gott, was habe ich da angerichtet! Mein eigener Grund und Boden ist von einer Bluttat durchtränkt, von einem himmelschreienden Unrecht. 11. Bereits die Grundlage meiner Wissenschaft stellt eine Abkehr von Gott dar. 12. Damit ist mein ganzes Tun unfruchtbar geworden. Denn wenn ich nun die heiligen Texte bearbeiten werde, dann wird daraus keine Nahrung für das Gottesleben in der Seele hervorgehen. Vollkommen orientierungslos werde ich umherirren.« 13. Verzweifelt sprach der Glaube zum Herrn des Lebens: »Zu groß ist meine Verkehrtheit, als dass sie je wieder aufgehoben werden könnte. 14. Nun werde ich von allem Wahren und Guten der Kirche für immer getrennt sein. Orientierungslos werde ich umherschweifen und allen Angriffen schutzlos ausgeliefert sein.« 15. Doch die innere Stimme sagte: »Nein! Deine Angst geht mit dir durch. Du bist zwar nun, weil du den inneren Lebenshauch ausgelöscht hast, eine äußere Wissenschaft geworden. Aber selbst in dieser Verkehrtheit bewahrst du immerhin noch ein göttliches Urwissen auf. Deswegen soll jeder, der dich erschlägt, meine göttliche Hand zu spüren bekommen.« Und so zeichnete Jahwe das Glaubenswissen als etwas Besonderes aus, damit die Menschen dieses Erbe unangetastet lassen. 16. Danach entfernte sich der Glaube von der Wahrnehmung des inneres Wesens Jahwes und ließ sich in der Ruhelosigkeit des äußeren Weltwissens nieder, blieb aber immerhin noch auf das innere Leben bezogen, denn davon handeln ja, zumindest theoretisch die Glaubenslehren.

Fußnoten

[1]   Auch die tiefenpsychologische Auslegung biblischer Texte vollzieht sich im Rahmen einer Terminologie, oftmals ist es die von C. G. Jung. Aufgrund solcher Beobachtungen meine ich, dass man ein bestimmtes terminologisches System nicht für das einzig richtige halten darf. Das gilt auch für die Sprache Swedenborgs. Sie kann durch ein anderes Begriffssystem abgelöst werden.

[2]   Dem Vers 4,7 geht der Ruf voraus, der dunkelste der Genesis zu sein (vgl. Seebass 152). In meiner Übersetzung spiegelt sich daher in besonderer Weise mein Verständnis dieser Stelle. Aber selbst die (dem eigenen Verständnis angepasste) Übersetzung läßt noch ein wenig die Schwierigkeiten des hebräischen Textes erkennen. Daher zwei Erläuterungen: Erstens: »Die Sünde« ist im Hebräischen (wie im Deutschen) ein Femininum. »Der Lagernde« hingegen ist ein Maskulinum. Daher kann man nicht übersetzen: »Die Sünde lagert«. Andererseits ist »die Schlange« von Genesis 3 im Hebräischen ein Maskulinum. Deswegen habe ich mich für die Übersetzung »die Sünde ist ein lagernder Schlangendämon« entschieden. Zweitens: Die maskulinen Suffixe in der zweiten Vershälfte können sich nur auf den Lagernden oder auf Abel beziehen. Ich konnte mich zwischen den beiden Möglichkeiten nicht entscheiden, eventuell ist die Doppeldeutigkeit gewollt. Im ersten Fall ist zu lesen: »Und nach dir (Kain) ist sein Verlangen (= das Verlangen des lagernden Schlangendämons), du aber sollst herrschen über ihn (= über den lagernden Schlangendämon).« Im zweiten Fall ist zu lesen: »Und nach dir (Kain) ist sein Verlagen (= Abels Verlangen), du aber willst herrschen über ihn (= über Abel).«

[3]   Was Kain zu Abel sprach, ist im masoretischen Text (der in den Urtextausgaben abgedruckt wird) nicht überliefert. Der samaritanische Pentateuch, die (griechische) Septuaginta, die (syrische) Peschitta und die (lateinische) Vulgata lesen hier jedoch noch: Laß uns auf das Feld gehen!

[4]   Siehe Horst Seebass, Genesis I: Urgeschichte (1,1 - 11,26), Neukirchen-Vluyn 1996, Seite 144, (Sigel: Seebass). Die Kainitengenealogie sähe dann so aus: »1. Und der Mensch erkannte Eva seine Frau, und sie empfing und gebar Kain und sprach: Ich habe einen Mann erworben, den Jahwe. 2. Und sie fuhr fort, seinen Bruder Abel zu gebären. Und Abel wurde ein Hirt der Herde, Kain aber wurde ein Knecht des Bodens. 16. Und Kain zog vom Angesicht Jahwes fort und wohnte im Lande Nod, östlich von Eden. 17. Und Kain erkannte seine Frau, und sie empfing und gebar Henoch. Und er wurde der Erbauer einer Stadt und nannte den Namen der Stadt nach dem Namen seines Sohnes Henoch. 18. Und dem Henoch wurde Irad geboren, und Irad zeugte Mehujael, und Mehujael zeugte Metuschael, und Metuschael zeugte Lamech.«

[5]   Damit begeben wir uns auf das Feld der Pentateuchkritik (sie will das Werden der fünf Bücher Mose aufhellen). Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts besaß das klassische Wellhausen-Modell (nach dem Theologen und Orientalisten Julius Wellhausen benannt) eine so allgemeine Gültigkeit, dass es wie selbstverständlich sogar in die kirchenamtlichen Bibelausgaben aufgenommen wurde (siehe die Einheitsübersetzung oder die Stuttgarter Erklärungsbibel). Doch heute befindet sich die Pentateuchforschung in einer Totalrevision aller ihrer Hypothesen. Das eröffnet zumindest theoretisch die Möglichkeit, die spärlichen Hinweise Swedenborgs zu einem umfassenden Erklärungsmodell weiterzuentwickeln, ohne sogleich als hoffnungslos veraltet angesehen zu werden. Das Alte Wort Swedenborgs führt dann zu der Annahme, dass für die Urgeschichten eine Quelle sui generis vorauszusetzen ist. Eine solche Quelle kann man auch aufgrund der altorientalischen Vergleichstexte zu den biblischen Urgeschichten vermuten.

[6]   Wörtlich: »Mit Schmerzen soll du ihn (den Mutterboden) essen«. Doch auch Swedenborg übersetzt: »in magno dolore edes de ea« (in großem Schmerz wirst du von ihm essen).

[7]   Auf weitere im wesentlichen sprachliche Zusammenhänge zwischen Genesis 2,4b bis 3,24 und Genesis 4,1 bis 16  möchte ich wenigstens in Form einer Fußnote hinweisen. In Genesis 3,9 spricht Jahwe Elohim zum Menschen: »Wo bist du?«, in Genesis 4,9 spricht Jahwe zu Kain: »Wo ist dein Bruder Abel?«. In Genesis 3,13 spricht Jahwe Elohim zur Frau: »Was hast du da getan?«, in Genesis 4,10 spricht Jahwe zu Kain: »Was hast du getan?«. In Genesis 3,16 spricht Jahwe Elohim zur Frau: »Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird (will) über dich herrschen«, in Genesis 4,7 spricht Jahwe zu Kain: »Nach dir wird sein (gemeint ist der Dämon oder Abel) Verlangen sein, du aber sollst (oder willst) über ihn (gemeint ist der Dämon oder Abel) herrschen«. In Genesis 3,17 spricht Jahwe Elohim zu Adam: »der Boden sei verflucht um deinetwillen«, in Genesis 4,11 spricht Jahwe zu Kain: »verflucht bist du vom Boden«. Nach Genesis 3,23 soll der Mensch den Boden bebauen; genau diese Tätigkeit übt Kain aus, er ist »ein Bebauer des Bodens« (Genesis 4,2). In Genesis 3,24 heißt es: »Er trieb den Menschen aus«, in Genesis 4,14 spricht Kain zu Jahwe: »Du hast mich heute vom Angesicht des Bodens vertrieben«. In Genesis 3,24 sollen die Cherubim »östlich (miq-qedem) vom Garten Eden« lagern, in Genesis 4,16 liegt das Land Nod »östlich (qidmat) von Eden«.

[8]   Zum Stammbau von Genesis 4 gehören die sieben Glieder Adam, Kain, Henoch, Irad, Mehujael, Metuschael, Lamech (danach Aufspaltung in die Dreiheit Jabal, Jubal, Tubal-Kain). Zum Stammbaum von Genesis 5 gehören die zehn Glieder Adam, Set, Enosch, Kenan, Mahalalel, Jered, Henoch, Metuschelach, Lamech, Noah (danach Aufspaltung in die Dreiheit Sem, Ham, Jafet). Genesis 5 unterscheidet sich dadurch von Genesis 4, dass am Anfang Set und Enosch hinzugekommen sind, in der Mitte Mahalalel und Henoch vertauscht sind (Henoch wird dadurch zum 7. Glied) und am Ende zusätzlich Noah erscheint (der Begründer der nachsintflutlichen Menschheit).

[9]   Belege findet man beispielsweise bei Eugen Drewermann, Strukturen des Bösen, 1988, Band 1, Seiten 111ff., Band 2, Seiten 247ff.

[10]   Die folgenden deutschen Übersetzungen der heiligen Schrift wurden herangezogen: 1. Übersetzungen in der Tradition Swedenborgs: 1.1. Die deutsche Übersetzung von Esl (siehe unten) in »himmlische Geheimnisse«, Tübingen 1845ff. (Esd). 1.2. »Die Bibel oder die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments übersetzt … von Dr. Leonhard Tafel«, Frankfurt am Main 1880 (Leo). 1.3. »Die Bibel oder die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments übersetzt … von Dr. Leonhard Tafel, revidiert von Professor Ludwig H. Tafel«, Philadelphia 1911 (Lud). 2. »Wörtliche« Übersetzungen (der Schwerpunkt bei diesem Übersetzungstyp ruht ganz bei der Ursprache): 2.1. »Elberfelder Bibel«, revidierte Fassung von 1991 (Elb). 3. »Mittlere« Übersetzungen (dieser Übersetzungstyp sucht einen mittleren Weg zwischen Ursprache und Zielsprache bzw. einer wörtlichen und einer verständlichen Übersetzung): 3.1. »Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers«, revidierte Fassung von 1984 (Lut). 3.2. Die »Zürcher Bibel« in der revidierten Fassung von 1931 (Zur). 3.3. Die »Einheitsübersetzung«, Stuttgart 1980 (Ein). 3.4. »Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments übersetzt von Hermann Menge«, Stuttgart 1949 (Men). 4. »Freie« Übersetzungen (bei diesem Übersetzungstyp hat sich das Interesse ganz auf die Zielsprache verlagert): 4.1. »Gute Nachricht Bibel«, revidierte Fassung 1997 der »Bibel in heutigem Deutsch«, Stuttgart 2000 (Gnb). 4.2. »Hoffnung für alle - die Bibel«, Basel 2002 (Hfa). Außerdem wurden die folgenden lateinischen Übersetzungen berücksichtigt: 1. »Biblia Sacra sive Testamentum Vetus et Novum … a Sebastiano Schmidt«, Argentoratum (Straßburg) 1696 (Ss). 2. Emanuel Swedenborgs lateinische Übersetzung der Bücher »Genesis« und »Exodus« in »Arcana Caelestia« (Esl).

[11]   Ich übersetze »jada‘« zwar nicht mit »schlafen«, aber natürlich muss man hier an die Gemeinschaft des Mannes mit der Frau denken. Nach HG 4914 (zu Gen 38,26) hat »erkennen« die Bedeutung »conjungi« (sich verbinden bzw. verbunden werden; vgl. conjugium = Ehe).

[12]   Franz Delitzsch, Commentar über die Genesis, Leipzig 1872, Seite 162. (Sigel: Delitzsch)

[13]   Eine Übersicht der Übersetzung von »ischschah« in Genesis 1 bis 4,16 durch Swedenborg (siehe Esl): Er übersetzt »ischschah« mit »mulier« in Genesis 2,22; 3,1.2.4.6.12.13.15.16. Mit »uxor« übersetzt er das Wort in Genesis 2,23.24.25; 3,8.17.20.21; 4,1.

[14]   Diese Deutung fand ich auch bei Jakob Böhme: »Höre und besiehe das schöne Kind in Adams und Evas Willen, was ihr Begehren vor und nach dem Falle war: Sie begehrten das irdische Reich, als dann Eva durchaus nur irdisch gesinnet war. Denn als sie Cain gebar, sprach sie: ›Ich habe den Mann, den Herrn‹, sie gedachte, es wäre der Schlagentreter, er würde das irdische Reich einnehmen und den Teufel verjagen, sie dachte nicht, daß sie sollte ihres falschen, irdischen, fleischlichen Willens sterben, und in einem heiligen Willen geboren werden. Einen solchen Willen führte sie auch in ihren Samen ein, desgleichen auch Adam.« (Mysterium Magnum 26,23). Eva glaubte demnach, den Schlagentreter von Genesis 3,15 geboren zu haben.

[15]   Spuren des frühchristlichen Verständnisses Abels: Die Abel-Christus-Typologie ist von Ambrosius »in der Schrift ›De Cain et Abel‹ zum erstenmal  in voller Breite dargelegt worden. Ihm folgten … Augustinus, Leo d. Gr., Maximus von Turin, Paulinus von Nola, Gregor d. Gr., Isidor, Hrabanus Maurus, Rupert von Deutz und andere (siehe PL 219,243).« (Hans Martin von Erffa, Ikonologie der Genesis, Band 1, 1989, Seite 359). In einer ehemals Johannes Chrysostomus zugeschriebenen Schrift »De sacrificiis Caini, de donis Abelis« usw. heißt es: »weil Abel als erster für die Gerechtigkeit gekämpft hat, war er als erster würdig, für seine Frömmigkeit zu leiden: so wurde er zu einem Vorbild Christi (imago Christi)«. Bei dem Benediktinermönch Radbert von Corbie (Paschasius Radbertus) liest man zusammenfassend: »Darum ist Abel der erste als Vorbild Christi (figura Christi) und sehr gerechter Prophet, zum Beispiel wenn man liest, er habe Gottvater ein Lamm dargebracht und geopfert; er zeigte ihm, daß er mit seinem Glauben und seinen Werken ein künftiges Lamm sei, das zum Heil der ganzen Welt Gottvater im lieblichen Geruch als Schlachtopfer darzubringen sei. Darum ist auch Abel, der im Glauben an Christus festblieb, so wie der Rebschoß an der Rebe, getötet worden als Vorbild (figura) jenes, und wurde zum Setzling aus der Rebe und zum treuen Zeugen« (Erffa 1,359f.).

[16]   Swedenborg gab diesem Werk den Titel »Explicatio in Verbum Historicum Vet. Test.«. In Ermangelung einer deutschen Übersetzung dieses umfangreichen Werkes verwende ich das Sigel »WE« (nach dem englischen Titel »The Word Explained«) und folge auch der dortigen Nummerierung der Abschnitte.

[17]   Auch bei Jakob Lorber ist Abel die erste Christusvorbildung (HGt 1,11.25).

[18]   Manfred Lurker, Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole, 1990, Seite 173. Siehe auch den Begriff des Hirtenkönigs in Bezug auf Ägypten bei Jakob Lorber (GEJ IV,202,16; 204,9, 206,14).

[19]   So lesen wir zum Beispiel im Psalm 39,6: »Siehe, nur handbreit hast du meine Tage gemacht, wie nichts ist meine Lebenszeit vor dir. Nur ein Hauch (hebel) ist der Mensch.« Und in Kapitel 7,16 sagt Hiob: »Ich mag nicht mehr - nicht ewig will ich leben! Laß ab von mir! Meine Tage sind nur noch ein  Hauch (hebel).«

[20]   Viktor Mohr bringt Abel mit »ahab« (lieben) in Verbindung. Siehe H. E. Sponder, Haushaltung Gottes durch Jakob Lorber, Lexikaler Anhang, 1979, Seite 36.

[21]   Kain übt eine Arbeit aus, die nicht ihn frei macht, sondern versklavt. Je mehr der Mensch dem Irdischen dient, je mehr er sich von der Sorge um das Irdische beherrschen läßt, desto unfreier wird er, desto mehr wird er vom Irdischen beherrscht. Daher kann Jesus sagen: »Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.« (Joh 8,34).

[22]   Nach Delitzsch meint die hebräische Wendung »nach Verlauf geraumer Zeit« (163). Nach Gesenius bedeutet »miqqez« »m. folg. Zeitbestimmung: n. Verlauf von« (719). Der Plural »jamim« kann auch »einige Zeit« bedeuten (Gesenius 294).

[23]   Manfred Lurker sieht in der Frucht eine Verbindung von innen (Sonne) und außen (Erde): »Als Symbiose aus Erdtiefe und Lichthöhe ist die Frucht das Produkt irdischen Gedeihens und sichtbares Zeichen göttlichen Segens.« (Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole, 1990, Seite 130).

[24]   »Munus« als Übersetzung für »minchah« konnte ich auch in HG 3079 (für Jesaja 66,20), HG 9293 (für Maleachi 3,3.4), HG 2906 (für Maleachi 3,4) und in HG 9293 (für Psalm 72,10) entdecken.

[25]   Siehe »mincha« in HG 440, 1462, 2177, 2276, 2280, 2342, 2588, 3654, 3881, 4262, 5620, 7356, 7602, 7978, 8159, 8540, 9207, 9295, 9298, 9475, 9993, 9995, 10079, 10137, 10140, 10176, 10177, 10206, 10248, 10262, 10300, 10603. Siehe »minchah« in HG 4581, 5144, 6280, 6377, 7356, 7602, 7906, 7978, 8159, 9475, 9992, 10129.

[26]   Siehe HG 2276, 3654, 7356, 7602, 9207, 9295, 9298, 9475, 10176, 10177, 10206 (Himmlische Geheimnisse, orthographisch und typographisch revidierter Nachdruck der Basler Ausgabe von 1867-69, Zürich 2000).

[27]   »Die Alten (antiqui) vor Eber wussten nichts von Opfern (de sacrificiis)« (HG 10042). Nach HG 349 wurden im Judentum (Ecclesia Judaica) »Opfer (sacrificia) aller Art« »Gaben (munera)« genannt. Demnach wäre »Gabe« der Oberbegriff, jedes Opfer wäre als Gabe zu verstehen.

[28]   Es besteht ein Zusammenhang zwischen »erstgeboren« und »segnen«. »Bekor«  (Konsonantenfolge »bkr«) bedeutet »erstgeboren«, »berak« hingegen (Konsonantenfolge »brk«) bedeutet »segnen«. Beide Worte werden im Hebräischen aus denselben Konsonanten gebildet.

[29]   Manfred Lurker, Wörterbuch der biblischen Bilder und Symbole, 1990, Seite 97f.

[30]   Wir folgen damit Franz Delitzsch, der hier ein »we« »der erklärenden Anknüpfung des Besonderen an das Allgemeine« sieht (163).

[31]   Wilhelm Gesenius' hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, bearbeitet von Frants Buhl, unveränderter Neudruck der 1915 erschienenen 17. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1962, Seite 231 (Sigel: Gesenius). Die Abkürzungen wurden im Interesse der leichteren Lesbarkeit durch die Vollform ersetzt.

[32]   Arabisch ist ebenso wie Hebräisch eine semitische Sprache.

[33]   Vgl. die Ausführungen von M. Kahir zum Wortstamm »Keleb«: »Nimmt man … K als Vorsatzlaut und leb als Wurzel, ergibt sich die Bedeutung: k = die Kraft, leb = des Herzens, der Liebe! Und das ist wieder das göttliche Schöpfungswort, dem alles Geschaffene das Leben verdankt. Findet sich auch diese Lautverbindung im Hebräischen vor? Ja, und zwar als das aspiriert gesprochene ›cheleb‹ = das Beste, Vorzüglichste! Wir sehen damit, daß die alten Wortbildner chaleb, die Kraft der Liebe, wirklich als das Beste und den höchsten Aspekt der Gottheit auffaßten. Wie jedes ursprünglich geistige Wort erhielt auch cheleb später von den ›Kindern der Fleischtöpfe Ägyptens‹ einen rein materiellen Sinn unterlegt. Das Wort nahm die Bedeutung ›das Fetteste, das Beste vom Eingeweidefett‹ an und der einstige Sinn verlor sich gänzlich.« (Das verlorene Wort, 1960, Seite 277).

[34]   Das deutsche Wort »Antlitz« bedeutet »das Entgegenblickende«.

[35]   August Dillmann, Die Genesis, 1886, Seite 93.

[36]   So zum Beispiel im aaronitischen Segen: »Jahwe erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!« (Numeri 6,26).

[37]   Seebass zitiert Speiser mit den Worten: »… well known in Akkadian as rabisum, a term for ›demon‹. These beings were depicted both as benevolent, often lurking at the entrance of a Building to protect or threaten the occupants.« (Seebass 144).

[38]   Einzelheiten bei Alfred Acton, An Introduction to the Word Explained, 1927, 124 - 125.

[39]   Diese Übersetzung ist dem ersten Band der Übersetzung der himmlischen Geheimnisse von Immanuel Tafel entnommen, die in Tübingen 1845 erschienen ist.

[40]   Einige Stellen zur Verbindung von Acker und Saat bei Swedenborg: »Die Lehre heißt Acker, weil er (wie die Lehre) den Samen aufnimmt« (»doctrina vocatur ›ager‹ ex semine«, HG 368). »›Acker‹ bedeutet Kirche, weil sie wie ein Acker die Samen des Guten und Wahren aufnimmt« (HG 3766). »›Erdreich‹ (humus) bezeichnet die Kirche aus einem ähnlichen Grund wie ›Acker‹ (ager), nämlich wegen der Aufnahme verschiedener Samen, ihrem Wachstum und Ertrag« (HG 10570). Wegen der Empfänglichkeit für die Aussaat ist »Acker« gleichbedeutend mit »gutes Erdreich« (HG 3577). 

[41]   »Totschlagen« finden wir in der Zürcher Bibel (1931), in der Lutherbibel (1984), in der »Gute(n) Nachricht Bibel« (1997), in der »Hoffnung für alle« (2002) und in der Bibelübersetzung von Hermann Menge. »Erschlagen« finden wir in der Elberfelder Bibel (1991) und in der katholischen Einheitsübersetzung.

[42]   Anna Ulrich, Kain und Abel in der Kunst: Untersuchungen zur Ikonographie und Auslegungsgeschichte, 1981, Seite 137.

[43]   Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose: Genesis, Göttingen und Zürich 1987, Seite 77. (Sigel: v. Rad)

[44]   Biblische Belegstellen zu Torhüter (»scho‘er«) bei Gesenius 815 und zu »Hüter der Schwelle« (»schomere hasaf«) bei Gesenius 549.

[45]   August Dillmann, Die Genesis, Leipzig 1886, Seite 95. (Sigel: Dillmann)

[46]   Vgl. auch Horst Seebass: »Der Pl. von dam ›Blut‹ steht nur für vergossenes Blut und ganz überwiegend für die Blutschuld (KBL3).« (155).

[47]   Eindeutig der dritten Variante zuzuordnen sind die folgenden Übersetzungen. Die Einheitsübersetzung: »So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden«. Die Zürcher Bibel: »Und nun - verflucht bist du, verbannt vom Ackerland«. Die Übersetzung von Hermann Menge: »Und nun - verflucht sollst du sein, (hinweggetrieben) vom Ackerboden«. Die Elberfelder Bibel: »Und nun, verflucht seist du von dem Ackerboden hinweg«. Die Verdeutschung von Buber und Rosenzweig: »Und nun, verflucht seist du hinweg vom Acker«. Die Gute Nachricht Bibel: »Du hast den Acker mit dem Blut deines Bruders getränkt, deshalb stehst du unter einem Fluch und musst das fruchtbare Ackerland verlassen.« Die Übersetzung »Hoffnung für alle«: Darum bist du von nun an verflucht: Weil du in diesem Land einen Mord begangen hast, musst du von hier fort.« Nur die Lutherbibel ist nicht eindeutig der dritten Variante zuzuordnen. Dort lesen wir: »Und nun: Verflucht seist du auf der Erde«. Die Übersetzung von »min« mit »auf« ist sprachlich nicht korrekt, weswegen wir die Lutherbibel keiner der oben genannten Lesarten zuordnen können. 

[48]   Einen ersten Hinweis gibt vielleicht schon Swedenborgs Übersetzung. Sie lautet: »maledictus tu de humo«. Warum hat er »min« nicht mit »ab« (von) übersetzt? Die Präposition »de« bedeutet jedenfalls auch »wegen«.

[49]   »Arur« (verflucht) ist das Gegenteil von »baruk« (gesegnet). Diese beiden Begriffe bilden im Hebräischen ein Gegensatzpaar (siehe THAT 1,236-240).

[50]   Die Verdeutschung von Buber und Rosenzweig ahmt den Stabreim mit den Worten »schwank und schweifend« nach.

[51]   »Strafe« steht in der Elberfelder Bibel (in der Anmerkung wird auf die Alternative »Schuld« hingewiesen), in der Lutherbibel (1984), in der Zürcher Bibel (1931), in der Übersetzung von Hermann Menge (in Klammern steht »oder: Sündenschuld), in der Gute Nachricht Bibel (1997) und in der Hoffnung für alle (2002).

[52]   »Tragen« steht in der Elberfelder Bibel (1991), in der Lutherbibel (1984), in der Zürcher Bibel (1931), in der Übersetzung von Hermann Menge und in der Einheitsübersetzung. Die Hoffnung für alle (2002) hat »ertragen«.

[53]   Bei Sebastian Schmidt fand Swedenborg »me abscondere cogar« (ich muss mich verbergen) vor. Er selbst übersetzte aber die hebräische Verbform mit »abscondar« (ich werde verborgen). Das Verb »nistar« bedeutet »sich verbergen« und »verborgen sein« (Gesenius 553). Horst Seebass übersetzt es in Genesis 4,14 mit »werde ich … verborgen sein« und kommentiert diese Übersetzung mit den Worten: »str impf. ni. heißt zwar überwiegend ›sich verbergen‹, aber das gibt hier keinen Sinn.« (144). Das bestätigt Swedenborgs Übersetzung. Die meisten deutschen Bibeln haben jedoch »ich muss mich verbergen« (siehe die neukirchlichen Bibeln von Leonhard und Ludwig Tafel, die Lutherbibel, die Zürcher Bibel, die Einheitsübersetzung, die Übersetzung von Hermann Menge und die Elberfelder Bibel).

[54]   Zu den Merkwürdigkeiten der Urgeschichte gehört, dass sie zuweilen mehr Menschen voraussetzt als vorhanden sein können. Nach dem Brudermord gibt es nur drei Menschen aus Erden: Adam, Eva und Kain. Dennoch sagt Kain: »Und es wird geschehen, dass jeder, der mich findet, mich erschlagen wird.« Vor welchen Menschen fürchtet sich Kain eigentlich? Swedenborg verstand die Personen der Urgeschichte nicht als Individuen, sondern als Kollektive.

[55]   Der masoretische Text hat »laken« (daher, fürwahr). Einige alte Übersetzungen setzen hingegen »lo ken« (nicht so) voraus.

[56]   Darauf lassen die folgenden Verwendungen schließen: »v. d. neugeborenen Kinde«, »sichtbar w.«, »v. d. Sonne u. d. Gestirnen: aufgehn«, »v. Pflanzen: aus der Erde kommen«, »entspringen (v. Flusse)« (Gesenius 310f.). 

Abgeschlossen am 18.10.2005. In: OT 4 (2005) 190-207, OT 1 (2006) 13-34, OT 2 (2006) 64-75.